Der heilige Martin von Tours

Ein Soldat, noch kein Gläubiger
Martins berühmtester Moment ereignet sich, bevor er überhaupt getauft war. Geboren um 316 in Pannonien (im heutigen Ungarn) und aufgewachsen in Pavia, Italien, diente er in der römischen Kavallerie in Gallien, stationiert um 334 in der Nähe des heutigen Amiens. Noch bloß Katechumene —jemand, der Unterweisung im Glauben erhält, aber noch nicht förmlich getauft ist— begegnete Martin am Stadttor einem Bettler, unzureichend gegen die Kälte gekleidet, ohne dass sonst irgendjemand da war, um zu helfen.
El Greco und Werkstatt, "Der heilige Martin und der Bettler," c. 1597-1600 — gemeinfrei.
Eine spontane Tat ohne Rücksicht auf sich selbst
Martin hatte kein Geld zu geben. Was er hatte, war sein Soldatenmantel, und ohne zu zögern zerschnitt er ihn mit seinem Schwert in zwei Hälften, behielt eine für sich und reichte die andere unmittelbar dem frierenden Mann. Es ist eine auffallend wörtliche Tat der Nächstenliebe —keine aus der Distanz veranlasste Spende, sondern eine unmittelbare, körperliche Teilung von etwas, das Martin selbst brauchte, auf der Stelle einem Fremden gegeben, dem er sonst nicht helfen konnte.
Ein Traum, der bestätigte, wen er wirklich bekleidet hatte
In jener Nacht träumte Martin von Jesus, bekleidet mit genau der Mantelhälfte, die er weggegeben hatte, und hörte ihn zu den umstehenden Engeln sagen: "Martin, der noch Katechumene ist, hat mich mit diesem Gewand bekleidet." Die Vision stellte die ganze Begegnung in ein neues Licht: Der Bettler am Tor war, in der Logik des Traumes, Christus selbst gewesen, was bedeutete, dass Martins unbedachte Großzügigkeit gegenüber einem Fremden sich in Wahrheit an jemand ganz anderen gerichtet hatte.
Vom Heer zur Geburt des abendländischen Mönchtums
Nicht lange danach suchte Martin um Entlassung aus dem Militärdienst nach und soll dem Kaiser Julian Apostata gesagt haben: "Ich bin ein Soldat Christi, mir ist es nicht erlaubt zu kämpfen." Er verließ das Heer vor 361 und wurde Schüler des Hilarius von Poitiers, gründete später das erste Kloster Galliens in Ligugé und errichtete danach den bedeutenden klösterlichen Komplex Marmoutier bei Tours, wo er schließlich als Bischof wirken sollte. Diese Verbindung —die Gründung klösterlicher Gemeinschaften und zugleich die Führung als Bischof— brachte ihm die Anerkennung als Vater des Mönchtums in Gallien ein, ein Vermächtnis, das auf eine einzige spontane, unbedachte Tat der Nächstenliebe gegenüber einem Fremden am Stadttor zurückgeht.
Trivia
Was ist die berühmte Geschichte von Martins Mantel?
Wovon träumte Martin in derselben Nacht?
Warum verließ Martin das römische Heer?
Welche Verbindung hat Martin zum abendländischen Mönchtum?



