Der Engel mit dem goldenen Räuchergefäß
Eine Pause vor dem Klang der Posaunen
Offenbarung 8 beginnt mit einer merkwürdigen Stille: Nachdem das Lamm das siebte Siegel geöffnet hat, „trat im Himmel Stille ein, etwa eine halbe Stunde lang“ (Offenbarung 8,1, Einheitsübersetzung). Sieben Engeln werden sieben Posaunen gegeben, doch bevor auch nur einer von ihnen bläst, wendet sich die Vision etwas völlig anderem zu — nicht dem Gericht, sondern dem Gebet. Es ist eine seltsame, bewusst gesetzte Pause unmittelbar vor einer Reihe von Katastrophen, und sie verdient es, für sich betrachtet zu werden, bevor die Erzählung weitergeht.
Die Bamberger Apokalypse, Folio 19v, "Die sieben Posaunen und der Engel mit dem Räuchergefäß," um 1000–1020, Staatsbibliothek Bamberg — gemeinfrei.
Gebete, emporgetragen als Rauch
In diese Pause hinein tritt „ein anderer Engel..., der eine goldene Räucherpfanne“ hat, und steht am Altar vor dem Thron. Ihm wird „viel Räucherwerk gegeben, damit er es mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron darbringe. Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor“ (Offenbarung 8,3-4). Das Bild verschmilzt zwei Dinge zu einer einzigen aufsteigenden Säule: den Weihrauchrauch und die Gebete selbst, die gemeinsam emporsteigen, so als würde der Rauch nur sichtbar machen, was ohnehin schon unsichtbar geschah — Gebet, das Gottes Gegenwart erreicht.
Ein altes Symbol, kein neues
Dies ist nicht das erste Mal, dass die Schrift Weihrauch mit Gebet verbindet. Jahrhunderte zuvor hatte der Psalmist bereits gebeten: „Mein Bittgebet sei ein Räucheropfer vor deinem Angesicht, ein Abendopfer das Erheben meiner Hände“ (Psalm 141,2) — eine Bitte, verwurzelt in dem täglichen Tempelritual, zu festgesetzten Stunden Weihrauch zu verbrennen, eine Praxis, die jeder Gläubige in Jerusalem gekannt hätte. Der Engel mit dem Räuchergefäß in der Offenbarung greift dieselbe, damals bereits jahrhundertealte Verbindung auf, statt ein völlig neues Bild zu erfinden.
Feuer, zurück zur Erde geworfen
Die Szene endet nicht damit, dass die Gebete friedlich emporsteigen. „Dann nahm der Engel die Räucherpfanne, füllte sie mit glühenden Kohlen, die er vom Altar nahm, und warf sie auf die Erde; da begann es zu donnern und zu dröhnen, zu blitzen und zu beben“ (Offenbarung 8,5). Dasselbe Gefäß, das Gebet nach oben trug, wird unmittelbar darauf umfunktioniert, um Gericht nach unten zu senden — ein einzelner Engel, ein einzelnes Räuchergefäß, das sich innerhalb zweier Verse in beide Richtungen bewegt. Unmittelbar danach treten die sieben Posaunenengel hervor und beginnen, einer nach dem anderen, zu blasen (Offenbarung 8,6 folgende).
Ein liturgisch nachklingendes Bild
Von allen Engelsbildern in der oft gewaltsamen, fremdartigen visionären Bilderfolge der Offenbarung sticht der Engel mit dem Räuchergefäß dadurch hervor, wie unmittelbar er sich mit dem gewöhnlichen Gottesdienst verbindet. Weihrauch, dargebracht zusammen mit Gebet, war gelebter, körperlicher Bestandteil des Tempel- und späteren kirchlichen Kultes, kein abstraktes, für die apokalyptische Literatur erfundenes Symbol — was wohl ein Grund dafür ist, dass dieses besondere Bild so sichtbar in die christliche liturgische Tradition fortgewirkt hat, wo Weihrauch bis heute im Gottesdienst als bewusster Widerhall genau dieses Bildes verwendet wird: Gebet, das aufsteigt und Gottes Gegenwart erreicht.





