Der Schutzengel

Was die Kirche tatsächlich lehrt
Es ist leicht anzunehmen, der Schutzengel sei eher Volksfrömmigkeit als formale Lehre, doch der Katechismus der Katholischen Kirche stellt den Glauben unmissverständlich dar: "Von seinem Beginn bis zum Tod umgeben die Engel mit ihrer Hut und Fürbitte das Leben des Menschen", und zitiert die alte Lehre, dass "einem jeden der Gläubigen ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite steht, um ihn zum Leben zu führen" (KKK 336). Das wird nicht als optionale Frömmigkeit für besonders Fromme dargestellt — es wird als Beschreibung des gewöhnlichen christlichen Lebens präsentiert, wahr für jeden Menschen, von Anfang an.
Bernhard Plockhorst, "Schutzengel," um 1880 — gemeinfrei.
Woher der Glaube kommt
Die Vorstellung hat Wurzeln, die sich durch die gesamte Schrift ziehen, statt sich auf einen einzigen Beweistext zu stützen. In Exodus sagt Gott zu Mose: "Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, damit er dich behüte auf dem Weg und dich an den Ort bringe, den ich bereitet habe" (Exodus 23,20). Die Psalmen versprechen, dass Gott "seinen Engeln deinetwegen Befehl geben" wird, "dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen" (Psalm 91,11). Und in den Evangelien warnt Jesus davor, Kinder gering zu achten, weil "ihre Engel im Himmel allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel schauen" (Matthäus 18,10) — ein Satz, den die Kirche seit langem als Hinweis auf einen jeder Person zugewiesenen Wächter liest, nicht nur auf Kinder im Besonderen.
Warum dieser Engel weder Namen noch eine einzelne Geschichte hat
Jeder andere Engel in dieser Reihe wird durch eine unwiederholbare Szene definiert: Michael, der den Drachen stürzt, Gabriel, der Maria grüßt, Raphael, der Tobias sicher nach Hause begleitet. Der Schutzengel ist bewusst anders angelegt — er ist keine historische Gestalt mit Anfang, Mitte und Ende, sondern eine fortlaufende, gegenwärtige Beziehung, die die Kirche als über ein ganzes Leben hinweg beständig beschreibt. Das ist auch der Grund, warum Schutzengel nie so benannt werden wie Michael, Gabriel und Raphael: Einen zu benennen würde ein universelles Versprechen in die Geschichte einer einzelnen Person verwandeln, und der ganze Sinn der Lehre ist, dass sie, unbenannt und unbemerkt, für jeden gilt.
Warum das Bild fortbesteht
Jede Generation christlicher Kunst ist mehr oder weniger zur gleichen Szene zurückgekehrt: eine geflügelte Gestalt, oft größer und fester dargestellt als die Menschen neben ihr, die über jemanden wacht, der zu jung oder zu abgelenkt ist, um die Gefahr vor sich zu bemerken. Es ist ein bewusst häusliches Bild im Vergleich zu Michaels Kampf oder Gabriels Verkündigung — näher an einem Elternteil als an einem Soldaten oder einem Boten — und genau deshalb bleibt es eines der meistgefragten Werke andächtiger Kunst für Kinderzimmer und Familienräume gleichermaßen.


