Die vier lebenden Wesen
Eine Vision an einem Fluss in Babylon
Ezechiels Bericht beginnt mit einem Propheten in der Verbannung, der „einen Sturmwind... von Norden“ beobachtet, „eine große Wolke und ein unaufhörlich aufflammendes Feuer, umgeben von einem hellen Schein“ (Hesekiel 1,4, Einheitsübersetzung). Aus diesem Sturm treten vier Wesen hervor, „sie hatten eine Menschengestalt“ (Hesekiel 1,5), doch jedes trägt vier Gesichter und vier Flügel (Hesekiel 1,6). Ihre Füße, schreibt Ezechiel, „glänzten wie blinkende Bronze“ (Hesekiel 1,7), und unter ihren Flügeln waren Menschenhände (Hesekiel 1,8) — eine Beschreibung aus vertrauten Teilen zusammengesetzt, die sich einer leichten Vorstellung entzieht.
Das Book of Kells, Folio 27v (Detail), um 800, Trinity College Dublin — gemeinfrei.
Ein Wesen, vier Gesichter
Das besondere Detail, bei dem sich das Verweilen lohnt, ist, wie die Gesichter verteilt sind: „Die Gestalt ihrer Gesichter aber war: ein Menschengesicht, ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier“ (Hesekiel 1,10). Das ist ein einziges Wesen, das gleichzeitig vier Gesichter trägt — Mensch, Löwe, Stier und Adler gehören alle zum selben Wesen, nicht vier getrennten Wesen mit je einem Gesicht. Die ganze Szene wird als beinahe unmöglich hell beschrieben: „Das Aussehen der lebenden Wesen war wie glühende Feuerkohlen... ein Blitzstrahl ging von ihm aus“ (Hesekiel 1,13).
Dieselben vier Gestalten, anders angeordnet in der Offenbarung
Rund sechs Jahrhunderte später beschreibt Johannes' Vision in der Offenbarung vier lebende Wesen, die den Thron Gottes umgeben, „voller Augen, vorn und hinten“ (Offenbarung 4,6) — aber anders angeordnet als in Ezechiels Vision. Hier trägt jedes Wesen nur eine einzige Gestalt: „Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler“ (Offenbarung 4,7). Es ist ein echter Unterschied, der es wert ist, benannt statt geglättet zu werden — Ezechiels einzelnes Wesen mit vier Gesichtern ist in der Offenbarung zu vier getrennten Wesen mit je einem Gesicht geworden. Beide Visionen greifen auf dieselben vier Formen zurück, ordnen sie aber unterschiedlich an. In der Offenbarung tragen die Wesen zudem je sechs Flügel, „außen und innen voller Augen“, und rufen ohne Unterlass: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung; er war und er ist und er kommt“ (Offenbarung 4,8).
Was die Bibel selbst nicht sagt
Weder Ezechiel noch die Offenbarung bieten eine Erklärung dafür, was die vier Gesichter bedeuten oder warum gerade diese Gestalten gewählt wurden. Welche symbolische Bedeutung spätere Leser im Menschen, Löwen, Stier und Adler auch fanden — sie stammt aus nachträglicher Deutung; der biblische Text beschreibt die Vision und geht weiter, ohne eigenen Kommentar zu seinen Bildern.
Eine Tradition, die über Jahrhunderte Gestalt annahm
Der Gedanke, die vier Wesen stellten heimlich die vier Evangelisten dar, ist ein Stück späterer christlicher Tradition, keine Aussage der Schrift selbst, und er entstand nicht auf einmal fertig. Der Bischof Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert gehörte zu den Frühesten, die die vier lebenden Wesen mit den vier Evangelisten verbanden, wenn auch die von ihm vorgeschlagene Zuordnung von der später üblichen abwich. Andere frühe Schriftsteller, darunter Victorinus, schlugen eigene Anordnungen vor. Es war Hieronymus, der später schrieb, dessen Zuordnung sich in der westlichen Kirche schließlich durchsetzte: der geflügelte Mensch für Matthäus, der Löwe für Markus, der Stier für Lukas und der Adler für Johannes.
Hieronymus' Begründung folgte dem Beginn jedes Evangeliums. Matthäus beginnt mit Christi menschlichem Stammbaum, daher der Mensch. Markus eröffnet abrupt mit der Stimme Johannes des Täufers, die „in der Wüste ruft“ — ein Beginn, der seit Langem mit dem Brüllen eines Löwen verglichen wird. Lukas' Evangelium legt besonderes Gewicht auf Christi priesterliche und opfernde Rolle, und der Stier, ein gängiges Opfertier, passte zu dieser Betonung. Johannes' Evangelium beginnt mit schwungvoller, kosmischer Sprache über das göttliche Wort — und der Adler, in der antiken Tradition als das einzige Wesen geglaubt, das direkt in die Sonne blicken kann, passte zu einem Evangelium, das damit beginnt, direkt auf das Göttliche zu blicken.
Vom Rand der Handschrift zum Kathedralenstein
Wie auch immer sie sich entwickelte, wurde die Tetramorph — dieses vierteilige Bild aus Mensch, Löwe, Stier und Adler — eines der am häufigsten wiederholten Symbole der christlichen Kunst. Es erscheint in illuminierten Evangelienhandschriften über die gesamte frühmittelalterliche Welt hinweg, in Kathedralenportale gemeißelt, in Kirchenfenster eingearbeitet, um Darstellungen Christi in Majestät gemalt. Eine Vision, aufgebaut aus vier unmöglichen, zusammengesetzten Gesichtern in der Aufzeichnung eines Propheten aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, wurde tausend Jahre später zu einem der erkennbarsten visuellen Kurzformen der westlichen christlichen Kunst — vier Wesen, die symbolisch für die vier schriftlichen Berichte vom Leben Christi stehen.





