Jesus Christus, der gute Hirte

Ein Titel, den Jesus für sich selbst beansprucht
Anders als viele Titel, die Jesus später beigelegt wurden, stammt "Guter Hirte" direkt aus seinen eigenen Worten. Im Johannesevangelium erklärt er es unumwunden: "Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe" (Johannes 10:11, Einheitsübersetzung). Sogleich zieht er einen Gegensatz zu jemandem, der nur verantwortlich wirkt: "Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt" (Johannes 10:12-13, Einheitsübersetzung). Der Unterschied liegt nicht im Können. Er liegt darin, ob der Verantwortliche tatsächlich etwas zu verlieren hat.
Marmorstatue des Guten Hirten, c. 300-350 n. Chr., aus den Domitilla-Katakomben, Vatikanische Museen — Foto von Carole Raddato, CC BY-SA 2.0.
Kenntnis, die in beide Richtungen wirkt
Jesus führt das Bild weiter aus und beschreibt eher eine Beziehung als eine bloße Pflicht: "Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe" (Johannes 10:14-15, Einheitsübersetzung). Der Vergleich mit seiner eigenen Beziehung zum Vater erhöht das Gewicht der Metapher erheblich —dies ist keine Vereinbarung wie mit einem bezahlten Knecht, sondern etwas, das eher einer Bindung gleicht, die in beide Richtungen wirkt.
Das häufigste Bild in den Katakomben
Dieses Bild fand bei den ersten Christen mehr Anklang als fast jedes andere. Allein die Katakomben von Rom bewahren rund 150 Darstellungen des Guten Hirten, was ihn zur mit Abstand häufigsten symbolischen Darstellung Christi vom 2. bis zum 6. Jahrhundert macht —lange bevor das Kruzifix oder andere heute vertraute Bilder gebräuchlich wurden. Die oben abgebildete Statue, irgendwann um 300-350 n. Chr. geschnitzt und aus den Domitilla-Katakomben geborgen, ist ein typisches Beispiel: ein junger, bartloser Hirte, kein bärtiger Richter und kein gekrönter König.
Warum Rettung vor Autorität kam
Diese Wahl spiegelt etwas Bestimmtes über den Moment wider, in dem sie getroffen wurde. Gemalt und geschnitzt in Zeiten echter Unsicherheit und Verfolgung, zeigt das Bild Christus nicht zuerst als Herrscher oder Richter —es zeigt ihn als jemanden, der sucht, findet und trägt. Für Gemeinschaften, die unter Bedrohung lebten, war diese Betonung von Rettung und persönlicher Fürsorge, statt von Macht oder Urteil, offenkundig jene Facette von Christi Identität, die es zuerst darzustellen galt.
Trivia
Woher kommt der Titel 'Guter Hirte'?
Wie verbreitet war dieses Bild in der frühchristlichen Kunst?
Warum wählten die frühen Christen gerade dieses Bild?
Was, laut Jesus, unterscheidet den guten Hirten vom bezahlten Knecht?



