Die heilige Scholastika
Eine Schwester, die man fast nur durch den Biografen ihres Bruders kennt
Über Scholastikas Leben ist außerhalb ihrer Verbindung zu ihrem weitaus berühmteren Bruder, dem heiligen Benedikt von Nursia, kaum etwas unabhängig belegt. Sie wird traditionell auf etwa 480 datiert, geboren nahe Nursia in Mittelitalien — dieselbe Region und ungefähr dieselbe Zeit wie Benedikt —, doch über diese Verbindung hinaus sind Einzelheiten ihrer Kindheit, ihr genauer Geburtsort und ihre Herkunft nirgends überliefert. Was wir wissen, stammt fast ausschließlich aus einer einzigen Quelle: Papst Gregors des Großen „Dialoge“, Buch II, eine Biografie Benedikts, verfasst um 593–594, mehrere Jahrzehnte nach Benedikts eigenem Tod und noch weiter entfernt von Scholastikas. Gregor nennt sie Benedikts Schwester, von Kindheit an dem geweihten Leben zugetan, und schreibt ihr die Gründung einer Nonnengemeinschaft nahe dem Kloster zu, das Benedikt auf Monte Cassino errichtet hatte.
Jean Audran, nach Jean Restout dem Jüngeren, „Tod der heiligen Scholastika“ (Sainte Scolastique), 1702–1756, Rijksmuseum — gemeinfrei.
Es lohnt sich, hier ein Detail genau zu benennen, das in populären Nacherzählungen oft verwischt wird. Scholastika wird heute weithin als Benedikts Zwillingsschwester beschrieben. Diese konkrete Behauptung findet sich jedoch nicht in Gregors Bericht aus dem 6. Jahrhundert, unserer ältesten und maßgeblichsten Quelle — er nennt sie nur „seine Schwester“. Die Zwillings-Überlieferung taucht erst im 9. Jahrhundert auf, mehrere Jahrhunderte später. Dass Scholastika Benedikts Schwester und Gründerin einer verwandten monastischen Gemeinschaft war, ruht auf solidem, altem Zeugnis. Dass die beiden Zwillinge waren, ist eine alte, aber spätere Zutat zur Geschichte, kein Teil von Gregors ursprünglichem Bericht.
Zwei Klöster, ein jährlicher Besuch
Sobald Benedikt sein Kloster auf Monte Cassino gegründet hatte und Scholastika in der Nähe ihre eigene Nonnengemeinschaft, fanden die Geschwister zu einem festen jährlichen Rhythmus: Sie trafen sich einmal im Jahr in einem bescheidenen Gästehaus nahe dem Kloster, um den Tag im Gespräch über Gott zu verbringen — denn Benedikts eigene Klosterregel verbot es ihm, außerhalb der Klostermauern zu übernachten, was bedeutete, dass er, wie tiefgründig das Gespräch auch verlief, jedes Jahr bei Einbruch des Abends nach Hause aufbrach.
Das Unwetter, wie Gregors Dialoge es erzählen
Die eine Geschichte, die Scholastika unvergesslich machte, stammt aus derselben Quelle, Gregors des Großen „Dialogen“, Buch II, Kapitel 33 — und es lohnt sich, diese Quelle ausdrücklich zu nennen, denn es handelt sich um eine konkrete hagiografische Anekdote aus einem Text, der Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen verfasst wurde, nicht um einen unabhängig verifizierten historischen Bericht. Gregors Darstellung zufolge spürte Scholastika bei dem, was sich als der Geschwister letztes Treffen herausstellen sollte, dass es ihre letzte Begegnung sein könnte, und bat Benedikt, die Nacht über zu bleiben, damit sie weiter über die Dinge des Himmels sprechen konnten. Er lehnte ab, nicht bereit, seine eigene Regel selbst für sie zu brechen. Sie senkte den Kopf auf den Tisch und betete — und, so der Bericht, ein Unwetter brach so plötzlich und so heftig los, dass Benedikt nicht mehr sicher zu seinem Kloster zurückkehren konnte. Erschrocken fragte er sie angeblich, was sie getan habe. Sie antwortete, der Erzählung nach, sie habe ihn gebeten und er habe abgelehnt, also habe sie sich stattdessen an Gott gewandt, und Gott habe sie erhört.
Drei Tage später starb Scholastika. Benedikt, durch eine Vision statt durch einen Boten von ihrem Tod unterrichtet, ließ ihren Leib nach Monte Cassino bringen und in das Grab legen, das er bereits für sich selbst vorbereitet hatte. Die Überlieferung besagt, dass Bruder und Schwester dort bis heute gemeinsam begraben liegen — zwei Gründergestalten, deren getrennte Gemeinschaften die Zukunft des westlichen Mönchtums mitprägten, am Ende Seite an Seite ruhend.
Patronin der Nonnen — und einer ganz bestimmten Art von Unwetter
Scholastika wird heute vor allem als Patronin der Benediktinerinnen und des monastischen Lebens im weiteren Sinne verehrt, ein Patronat, das unmittelbar aus ihrer dokumentierten Rolle als Gründerin und Leiterin einer Frauengemeinschaft neben dem bekannteren Wirken ihres Bruders folgt. Eine losere, deutlich schwächer belegte volkstümliche Überlieferung ruft sie zudem gegen Unwetter und Regen sowie für Kinder mit Krämpfen an — Zuschreibungen, die sich unverkennbar auf das eine dramatische Bild in der Mitte ihrer Geschichte zurückführen lassen: eine Frau, die betete und genau das Wetter bekam, das sie brauchte, um das Gespräch noch eine Nacht länger fortzusetzen. Ihr Gedenktag wird am 10. Februar begangen.






