Der heilige Norbert von Xanten
Ein Höfling, der jemand anderen für sich beten ließ
Norbert wurde um 1080 oder 1082 in Xanten geboren, im Rheinland des Heiligen Römischen Reiches, in eine adlige Familie mit Verbindungen, die ihm ohne großen eigenen Einsatz einen bequemen Platz in den oberen Rängen der Kirche sicherten. Er wurde Chorherr an St. Viktor in Xanten und zugleich Höfling am Kaiserhof Heinrichs V. — ein Leben mit echtem kirchlichem Rang, aber praktisch ohne dessen geistlichen Ernst. Den meisten Berichten zufolge war Norbert in dieser Zeit so wohlhabend und weltlich gesinnt, dass er sich jemand anderen dafür bezahlte, sein tägliches Gebet für ihn zu verrichten — er behandelte sein kirchliches Amt als Statussymbol, nicht als Berufung.
Jan de Hoey, Norbert von Xanten, frühes 17. Jahrhundert, Stiftsmuseum Xanten — gemeinfrei.
Vom Blitz getroffen bei Vreden
Diese bequeme Ordnung endete der Überlieferung nach in einem einzigen dramatischen Moment um 1115. Bei einem Ritt nahe Vreden wurde Norbert von einem plötzlichen Blitzschlag vom Pferd geschleudert und lag fast eine Stunde lang wie tot da, bevor er wieder zu sich kam. Es lohnt sich, offen zu benennen, wie diese Geschichte zu lesen ist: Die oft damit verbundenen lebhaften Einzelheiten — die genauen Worte, die inszenierte Dramatik der Szene — wurden von späteren Hagiografen geprägt, die den Bericht bewusst nach dem Vorbild der Bekehrung des Saulus auf dem Weg nach Damaskus in Apostelgeschichte 9 gestalteten, einem bekannten biblischen Muster für plötzliche, dramatische Bekehrungsgeschichten. Das heißt nicht, dass nichts geschah. Die zugrunde liegende Tatsache, dass Norbert um 1115 eine plötzliche und radikale Bekehrung erlebte, gilt als gut belegt und solide historisch; es sind gerade der Dialog und die dramatische Ausschmückung dieses Augenblicks, die eher der frommen Legende als einer zeitgenössischen Augenzeugenschilderung angehören.
Was auch immer genau bei Vreden geschah — die Veränderung in Norberts Leben danach war real und dauerhaft. Er suchte und erhielt von Papst Gelasius II. die Erlaubnis, zum Priester geweiht zu werden, verkaufte seinen Besitz, gab den Erlös den Armen und wurde ein barfuß wandernder Bußprediger — eine so vollständige Umkehr, wie sie ein wohlhabender Höfling-Chorherr nur vollziehen konnte.
Die Gründung von Prémontré
Norberts Predigt zog schließlich Anhänger an, und am Weihnachtstag 1120 gründete er förmlich die Chorherren von Prémontré — seither bekannt als Prämonstratenser oder Norbertiner — im Tal von Prémontré bei Laon in Frankreich. Die Gemeinschaft, die er aufbaute, verband zwei Traditionen, die nicht immer leicht zusammenpassten: das gemeinsame, tätige klerikale Leben von Chorherren im Dienst der weiteren Kirche und die strenge innere Disziplin klösterlicher Observanz. Es erwies sich als tragfähiges Modell, und prämonstratensische Gemeinschaften verbreiteten sich noch zu Norberts Lebzeiten über ganz Europa.
Ein Erzbischof, der sich beinahe selbst umbringen ließ
1126 wurde Norbert Erzbischof von Magdeburg, und hier wird seine Geschichte wirklich vielschichtig statt einfach nur erbaulich. Er verfolgte in seiner Diözese ein rigoroses Reformprogramm — er setzte den Zölibat der Kleriker durch, ging gegen Simonie vor (den Kauf und Verkauf kirchlicher Ämter) und beendete die Abwesenheit von Domherren, die sich genau an jene laxe, selbstgefällige Ordnung gewöhnt hatten, unter der Norbert selbst vor seiner Bekehrung einst gelebt hatte. Der Widerstand war heftig und keineswegs nur rhetorischer Natur: Norbert überlebte mindestens zwei oder drei Attentatspläne, die Gegner aus dem eigenen Domkapitel organisierten, und wurde einmal vollständig von einem bewaffneten Mob aus Magdeburg vertrieben.
Es lohnt sich, der Versuchung zu widerstehen, dies zu einer schlichten Geschichte eines heldenhaften Reformers zu verflachen, der von korrupten Klerikern verfolgt wurde. Beides war zugleich wahr: Die Missstände, die Norbert bekämpfte, waren real und gut dokumentiert, und sein kompromissloser, verhandlungsunwilliger Stil bei der Durchsetzung von Reformen destabilisierte sein Bistum tatsächlich und kostete ihn beinahe mehrfach das Leben. Er spielte darüber hinaus eine echte diplomatische Rolle über Magdeburg hinaus und half, die Beilegung der Streitigkeiten zwischen Kirche und Reich beim Wormser Konkordat von 1122 zu vermitteln — eine Arbeit, die zeigt, dass derselbe Mann in manchen Zusammenhängen zu geduldiger Verhandlung fähig war und in anderen zu völliger Unnachgiebigkeit.
Heiligsprechung und ein böhmisches Nachleben
Norbert starb am 6. Juni 1134 in Magdeburg und wurde zunächst dort beigesetzt; seine Reliquien wurden später in das Kloster Strahov in Prag überführt, was die unmittelbare Grundlage seines heutigen Patronats über Böhmen bildet. Papst Gregor XIII. sprach ihn 1582 in der Bulle „Immensae Divinae Sapientiae altitudo“ vom 28. Juli 1582 heilig, und sein Fest wurde 1672 unter Papst Klemens X. auf den Kalender der Gesamtkirche ausgedehnt. Kein verifiziertes wörtliches Zitat Norberts ist aus der Bekehrungsgeschichte überliefert — der manchmal wiedergegebene Satz „Herr, was willst du, dass ich tue?“ ist ein hagiografisches Echo von Apostelgeschichte 9,6, kein zitierfähiges historisches Zitat. Sein Gedenktag ist der 6. Juni, und man erinnert sich heute an ihn als Patron Böhmens und Magdeburgs; angesichts seiner Vermittlerrolle in Worms wird er gelegentlich im Zusammenhang mit Frieden und Versöhnung zwischen Kirche und Staat angerufen.






