Die heilige Chrodechild (Clotilde)
Eine burgundische Prinzessin am heidnischen Hof
Chrodechild wurde um 474 oder 475 in Lyon geboren, als Tochter Chilperichs II., eines Königs von Burgund. Um 492 oder 493 heiratete sie Chlodwig I., König der Franken — einen Kriegsherrn, der eines der mächtigen poströmischen Königreiche beherrschte, die sich damals im ehemaligen römischen Gallien formierten, und der, entscheidend, noch Heide war. Auf den ersten Blick war das keine besonders vielversprechende Partie für eine christliche Prinzessin, die ein religiöses Lebensprojekt daraus machen wollte. Sie und Chlodwig bekamen fünf Kinder: die Söhne Ingomer, Chlodomer, Childebert und Chlothar sowie eine Tochter, die ebenfalls Chrodechild hieß.
Taufe Chlodwigs, illuminierte Miniatur aus einer Handschrift des 14. Jahrhunderts der Vita sanctae Clotildis — gemeinfrei.
Eine Bekehrungsgeschichte nach Gregor von Tours
Die Geschichte, wie Chlodwig zum Christentum fand, verdanken wir fast ausschließlich einer einzigen Quelle: Gregor von Tours, einem Bischof und Chronisten, der Jahrzehnte nach den Ereignissen schrieb, in einem Stil, der echte historische Aufzeichnung mit dem erbaulichen Bedürfnis eines Kirchenmannes verband, der eine lehrreiche Geschichte erzählen wollte. Gregor zufolge drängte Chrodechild ihren Mann jahrelang beharrlich zur Taufe und wollte sich nicht damit abfinden, dass sein Heidentum einfach der Dauerzustand ihrer Ehe blieb. Was diese durchaus plausible häusliche Beharrlichkeit endgültig ins Legendäre kippen lässt, ist die konkrete Geschichte, die Gregor über die Auflösung erzählt: Angesichts einer drohenden Niederlage im Kampf gegen die Alemannen soll Chlodwig zu „Chrodechilds Gott" um den Sieg gebetet und im Gegenzug seine Bekehrung versprochen haben — und nach dem Sieg sein Wort gehalten haben.
Diese Schlachtfeld-Gelübde-Erzählung verdient dieselbe Vorsicht wie jede Erzählung eines frommen Chronisten: Sie stammt von Gregor, der lange nach den Ereignissen schrieb, und ist durch keine zeitgenössische Quelle unabhängig bestätigt. Als vergleichsweise gesicherte Geschichte gilt hingegen die Taufe selbst — Chlodwig wurde 496 in Reims von St. Remigius getauft, zusammen mit 3.000 seiner Krieger, eine Massenbekehrung mit enormen langfristigen Folgen für die religiöse Zukunft dessen, was einmal Frankreich werden sollte.
Witwenschaft am Grab des heiligen Martin
Chlodwig starb 511. Statt in den Hofintrigen des von ihm hinterlassenen Königreichs zu verharren, zog sich Chrodechild in die Nähe des Grabes des heiligen Martin von Tours zurück und widmete die folgenden Jahre dem Gebet und der Wohltätigkeit — ein Ruhestand, der für sich genommen wie ein passender, stiller Abschluss eines Lebens gewirkt hätte, das der Ausbreitung des Christentums in einer noch heidnischen Kriegerkultur gewidmet war. Still blieb es nicht.
Die Gewalt einer Dynastie, unverschleiert erzählt
Was als Nächstes geschah, gehört zum düsteren, gut dokumentierten Muster merowingischer Dynastiepolitik, und es verdient, ohne Beschönigung erzählt zu werden. 524 wurde Chrodechilds Sohn Chlodomer getötet. Seine jungen Söhne — Chrodechilds eigene Enkel — hätten rechtmäßig seinen Anteil am Königreich erben sollen. Stattdessen schickte Chrodechild den Überlieferungen zufolge die Jungen in gutem Glauben zu ihren überlebenden Söhnen Childebert und Chlothar, offenbar in der Überzeugung, sie würden gekrönt werden. Childebert und Chlothar ermordeten stattdessen zwei von ihnen und teilten Chlodomers Reich unter sich auf. Ein dritter Enkel, Chlodoald, konnte der Verfolgung entkommen; er verzichtete später auf jeden Machtanspruch und wurde Kirchenmann, heute bekannt als der heilige Cloud.
Gregor von Tours schreibt Chrodechild zudem zu, ihre Söhne zu einem Rachefeldzug gegen ihren Vetter, König Sigismund von Burgund, angestachelt zu haben — wegen der früheren Ermordung ihres eigenen Vaters, ein Vorwurf, den manche Historiker eher für ausgeschmückt oder legendenhaft als für gesicherte Tatsache halten, und der es verdient, so benannt zu werden, statt unkritisch in ihre Biografie eingewoben zu werden. Zusammengenommen rücken der Mord an ihren Enkeln und der mutmaßliche Rachefeldzug gegen Sigismund Chrodechild ins Zentrum genau jener dynastischen Gewalt, die die merowingische Herrschaft prägte — nicht irgendwie darüber erhaben oder außerhalb davon stehend. Ein wirklich schwieriger Faden im Leben einer Frau, an die man sich zugleich, glaubwürdig belegt, als jene erinnert, die Jahrzehnte für die Bekehrung ihres Mannes aufwandte und ihr eigenes Leben im Gebet am Grab eines Heiligen beschloss.
Ein stiller Kult über einem komplizierten Leben
Chrodechild starb am 3. Juni 545 in Tours und wird seit dem frühen Mittelalter verehrt, ohne je ein förmliches Kanonisationsverfahren durchlaufen zu haben — derselbe ununterbrochene, älteste Kult, der viele Heilige dieser Epoche auszeichnet. Ihr Gedenktag ist der 3. Juni. Ihr Patronat heute ist bescheiden und in volkstümlicher Überlieferung verwurzelt, nicht in einem großen offiziellen Dekret: Witwen rufen sie an, angesichts ihrer eigenen langen Witwenschaft nach Chlodwigs Tod, und auch Eltern und Mütter, die für die Bekehrung eines Kindes beten, wenden sich an sie — ein Patronat, das sich unmittelbar auf jenes Vorhaben zurückführen lässt, dem sie ihr eigenes Eheleben widmete. Wer sich für die weitere Geschichte der Bekehrung der Franken interessiert, findet in diesem Blog auch einen Artikel über den heiligen Remigius von Reims, den Bischof, der Chlodwig taufte und der im Zentrum von Chrodechilds eigener Geschichte steht.






