Der heilige Gallus
Einer der zwölf, die Irland verließen
Gallus wurde um 550 in Irland geboren und wurde einer von zwölf Mönchen, die sich Kolumbans Mission auf dem europäischen Festland anschlossen — eine Gruppe irischer Peregrini, Mönche, die ihre Heimat für immer verließen als bewussten Akt des Exils um Christi willen, ohne Absicht der Rückkehr. Die Gruppe zog gemeinsam ins merowingische Gallien und später in die Region um den Bodensee, im heutigen Nordosten der Schweiz, wo sie unter den Alemannen predigte, einem germanischen Volk, das noch nicht auf feste Weise zum Christentum bekehrt worden war. Gallus wird als so sprachgewandt in der örtlichen Sprache erinnert, dass er ihnen direkt selbst predigen konnte — eine Eigenschaft, die ihn selbst innerhalb von Kolumbans engem Gefährtenkreis hervorhob.
Andreas Praefcke, Fotografie eines Reliefwandbilds mit Gallus und dem Bären, St. Gallen, Schweiz, 2013 — gemeinfrei (vom Fotografen freigegeben).
Zurückgelassen an einem See
Als lokale Feindseligkeit und politischer Druck Kolumban schließlich zwangen, die Bodenseeregion um 612 in Richtung Italien zu verlassen, ging Gallus nicht mit ihm. Der Überlieferung nach war er zu krank zum Reisen und blieb zurück, statt weiter bis zu jenem Kloster in Bobbio zu ziehen, das später Kolumbans letzte Gründung werden sollte. Was auch immer der genaue Grund war, Gallus ließ sich als Einsiedler im Wald nahe dem See nieder, lebte allein in einer Hütte am Bach Steinach und zog über die folgenden Jahre einen kleinen Kreis von Jüngern an. Er bekleidete nie ein förmliches Amt in der Kirche und lehnte der Überlieferung nach zweimal das Angebot eines Bischofsamts ab — er zog die Einsiedelei, die er sich selbst aufgebaut hatte, jeder Machtposition vor.
Ein Bär, ein Feuer und eine gehörige Portion Legende
Die bekannteste Geschichte über Gallus handelt von einem Bären. Der Überlieferung nach — fromme Legende, nicht dokumentierte Geschichte, und das sollte man auch so benennen — wärmte sich Gallus im Wald an einem Feuer, als ein Bär aus dem Unterholz auf ihn zustürmte. Statt zu fliehen, wies Gallus das Tier zurecht, und es hielt inne; er reichte ihm daraufhin Brot, und der Bär brachte ihm im Gegenzug Feuerholz. Es ist die Art von Geschichte, die über Wüsten- und Waldeinsiedler der frühmittelalterlichen Kirche weit verbreitet war, und selbst wohlwollende moderne Darstellungen behandeln sie nicht als gesicherte Historie. Doch sie setzte sich in der lokalen Erinnerung fest genug durch, dass der Bär zu einem bleibenden Wahrzeichen der Gemeinschaft wurde, die um Gallus' Einsiedelei entstand — bis heute erscheint er im Wappen der Stadt St. Gallen, aufrecht auf den Hinterbeinen stehend, genau wie in der alten Geschichte.
Von einer Einsiedlerhütte zum Kloster
Gallus starb um 646, nachdem er Jahrzehnte als Einsiedler verbracht hatte, nicht als Gründer einer förmlichen Institution. Es waren seine Anhänger, nicht Gallus selbst, die nach seinem Tod an der Stelle seiner Einsiedelei ein Kloster errichteten, und die dort entstehende Gemeinschaft nahm seinen Namen an: die Abtei St. Gallen. In den folgenden Jahrhunderten wurde diese Abtei zu einem der bedeutendsten Zentren für Bildung, Handschriftenkopie und klösterliche Gelehrsamkeit im gesamten frühmittelalterlichen Europa, zu einer Zeit, als vergleichsweise wenige Einrichtungen auf dem Kontinent überhaupt diese Arbeit leisteten.
Eine Bibliothek, die die Jahrhunderte überdauerte
Die Stiftsbibliothek St. Gallen existiert bis heute und zählt weiterhin zu den wichtigsten erhaltenen Sammlungen mittelalterlicher Handschriften der Welt — als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt und teilweise für Besucher geöffnet, die durch dieselben Räume gehen können, in denen diese Bücher schon vor Jahrhunderten aufbewahrt wurden. Es ist ein seltener Fall unter frühmittelalterlichen Klostergründungen: keine Ruine, keine nur in späteren Chroniken bewahrte Geschichte, sondern eine funktionierende Bibliothek, die ihre eigene Geschichte in physischer Form bewahrt hat, lange bevor jemand daran dachte, sie als Legende niederzuschreiben. Gallus' Gedenktag ist der 16. Oktober. Er wird heute als Patron der Schweizer Stadt und des Kantons verehrt, die seinen Namen tragen, und, durch die alte, mit seinen Waldjahren verbundene Volksüberlieferung, auch als Patron der Vögel.






