Die Berufung der ersten Apostel
Ein gewöhnlicher Morgen auf dem Wasser
Das Matthäusevangelium setzt diese Szene direkt an den Beginn von Jesu öffentlichem Wirken, unmittelbar nach seinen vierzig Tagen in der Wüste und dem Beginn seiner Predigt in Galiläa. "Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer" (Matthäus 4,18). Nichts an der Ausgangslage ist dramatisch — zwei arbeitende Männer, die an einem unauffälligen Tag ihrem Handwerk nachgehen, die Art von Arbeit, die den Großteil ihrer wachen Stunden gefüllt hätte.
Duccio di Buoninsegna, Die Berufung der Apostel Petrus und Andreas, 1308-1311 — gemeinfrei.
"Kommt her, folgt mir nach"
Jesu Ruf ist auffallend kurz, angesichts von allem, was daraus folgt: "Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen" (4,19). Er baut unmittelbar auf dem eigenen Beruf der Männer auf — er verlangt nicht, ihre Fähigkeit aufzugeben, sondern sie ganz umzulenken, hin zum Sammeln von Menschen statt Fischen. Was Matthäus als Nächstes festhält, wirkt in seiner Geschwindigkeit fast aufrüttelnd: "Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm" (4,20). Kein Verhandeln, keine klärenden Fragen, wohin es gehe oder was es sie kosten würde. Nur ein unmittelbarer Aufbruch.
Das Familiengeschäft verlassen
Das Muster wiederholt sich und verstärkt sich nur ein Stück weiter am Ufer. "Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus" (4,21-22). Der Aufbruch von Jakobus und Johannes trägt zusätzliches Gewicht — sie verlassen nicht nur ihr Werkzeug und Handwerk, sondern ihren eigenen Vater, der direkt dort im Boot steht, mitten in der Arbeit. Das Familienfischgeschäft verliert augenblicklich zwei seiner Arbeiter.
Was den Ruf so überzeugend machte
Das Johannesevangelium bietet ein mögliches Stück Hintergrund, das Matthäus wegließ. In Johannes' Bericht war Andreas (und wahrscheinlich Petrus, wenngleich der Text bezüglich des zweiten, ungenannten Jüngers uneindeutig bleibt) Jesus bereits zuvor begegnet, hingewiesen durch das eigene Zeugnis Johannes des Täufers — "Seht, das Lamm Gottes!" (Johannes 1,36) — und hatte bereits Zeit mit Jesus verbracht, bevor dieser Moment am Ufer geschah. Zusammen mit Matthäus gelesen, legen die beiden Berichte nahe, dass die scheinbare Plötzlichkeit der Berufung am See auf eine frühere Bekanntschaft gefolgt sein mag, auch wenn der eigentliche endgültige Ruf noch immer eine vollständige, unmittelbare Antwort verlangte.
Wie auch immer die genaue Abfolge war, die Evangelien betonen durchweg die Autorität, die in Jesu Aufforderung selbst lag, statt irgendein Argument oder ausführliche Überzeugungsarbeit. Der Ruf wirkt fast sakramental — ausgesprochen, und wirksam in dem Moment, in dem er empfangen wird.
Lukas' Fassung: Zuerst ein wundersamer Fang
Das Lukasevangelium erzählt dieselbe Berufung mit einer zusätzlichen Szene, die Matthäus und Markus ganz auslassen. Bevor Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes ihre Netze verlassen, beschreibt Lukas zunächst, wie Jesus vom Boot des Petrus aus lehrt und ihm dann aufträgt, hinauszufahren auf tiefes Wasser und nach einer erfolglosen Nacht des Fischens die Netze noch einmal auszuwerfen. Der folgende Fang ist so groß, dass er die Netze fast zerreißt und zwei Boote fast zum Sinken bringt. Petrus' Reaktion ist keine Begeisterung, sondern Furcht und Scham: „Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder" (Lukas 5,8). Jesus antwortet nicht mit Beruhigung über den Fischfang, sondern mit demselben Ruf, den auch Matthäus überliefert, neu gefasst: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen" (5,10). Erst dann hält Lukas dieselbe unmittelbare Antwort fest: „Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach" (5,11).
Neben Matthäus' knappem, raschem Bericht gelesen, fügt Lukas' Fassung eine Ebene hinzu, die bei Matthäus fehlt: eine konkrete Demonstration von Jesu Autorität, vermittelt gerade durch das Handwerk, das er diese Männer gleich aufgeben lassen wird — eine Demonstration, die hilft zu erklären, ohne das Geheimnis ganz aufzulösen, warum die Antwort so vollständig und so unmittelbar ausfiel.
Katholische Lesart: Das Muster der Berufung
Die Berufung der ersten Apostel hat geprägt, wie die katholische Kirche das Wesen der Berufung seither versteht. Der Ruf kommt zuerst, ganz als Geschenk — Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes tun nichts, um ihn zu verdienen; Jesus kommt einfach zu ihnen, wo sie sind, mitten in gewöhnlicher Arbeit. Die Antwort jedoch ist vollständig: keine teilweise Anpassung der Nachfolge neben einem unveränderten Leben, sondern eine vollständige Neuordnung der Prioritäten, symbolisiert durch Netze und ein Boot, mitten in der Arbeit zurückgelassen.
Dieses Muster — unverdienter Ruf, beantwortet mit vollständiger Antwort — hat als theologische Vorlage für jede spätere von der Kirche anerkannte christliche Berufung gedient, vom geweihten Priestertum und Ordensleben bis zum allgemeinen Ruf zur Nachfolge, der jedem getauften Gläubigen gilt. Besonders Petrus, als Erster unter diesen Männern berufen, wird in der katholischen Tradition zum Felsen, auf den Christus seine Kirche baut (Matthäus 16,18), sein Dienst beginnt nicht mit irgendeiner Qualifikation oder Vorbereitung, sondern mit einem unterbrochenen Fischnetz und einem unmittelbaren Weggang von allem Vertrauten.
Weiterführende Lektüre: siehe Der ungläubige Thomas dafür, wie der Glaube eines der Apostel nach der Auferstehung geprüft wurde, und Petrus' Verleugnung Jesu für den ausführlicheren, härteren Bogen des an diesem Ufer zuerst berufenen Jüngers.





