Maria, Knotenlöserin: Die Andacht, die Papst Franziskus berühmt machte
Ein Gemälde aus der Dankbarkeit einer Familie
Das Bild hinter dieser Andacht begann keineswegs als öffentliches Wallfahrtswerk. Um das Jahr 1700 beauftragte ein Adliger namens Wolfgang Langenmantel den bayerischen Hofmaler Johann Georg Melchior Schmidtner mit dem Gemälde als Dankopfer, verbunden mit der glücklichen Lösung einer Ehekrise in seiner Familie — ein privater Auftrag zu einem privaten Zweck, nie gedacht als Ausgangspunkt einer Andacht, die eines Tages die ganze Welt erreichen würde. Die fertige Leinwand gelangte schließlich in die Kirche St. Peter am Perlach in Augsburg, wo sie fast drei Jahrhunderte lang ein bescheiden bekanntes, lokales Andachtsbild blieb, das gelegentlich Pilger anzog, aber über Bayern hinaus kaum Beachtung fand.
Johann Georg Melchior Schmidtner, Maria Knotenlöserin, um 1700, St. Peter am Perlach, Augsburg — gemeinfrei.
Die Komposition selbst ist für ein Marienbild ungewöhnlich wörtlich. Maria steht im Zentrum in blauem Mantel und arbeitet ruhig ein langes weißes Band zwischen ihren Händen, löst Knoten um Knoten. Auf der einen Seite reicht ihr ein Engel das verknotete Ende des Bandes; auf der anderen präsentiert ein zweiter Engel dasselbe Band, nun glatt und gelöst, einer Gestalt darunter — traditionell gedeutet als Darstellung der Person, deren Gebet oder Not Maria gelöst hat. Zu ihren Füßen, ganz in der langen Tradition mariologischer Bildsprache nach Offenbarung 12, steht sie auf einer Mondsichel mit einer Schlange darunter, und über ihr steht eine Taube für den Heiligen Geist.
Von Augsburg nach Buenos Aires
Der Weg der Andacht zu weltweiter Bekanntheit führt durch eine einzelne Lebensgeschichte. Mitte der 1980er Jahre wurde ein junger argentinischer Jesuit namens Jorge Mario Bergoglio zum Promotionsstudium nach Deutschland geschickt. Dort begegnete er dem Schmidtner-Gemälde in Augsburg und fühlte sich von der Bildsprache angezogen; er soll sich ein Foto oder einen Druck davon besorgt und mit nach Hause genommen haben. Zurück in Buenos Aires teilte Bergoglio das Bild mit einer Ordensschwester aus dem argentinischen Pfarrleben, und Kopien des Gemäldes begannen in Kirchen der Stadt aufzutauchen, begleitet von Gebetskärtchen, die um Marias Fürsprache baten, die „Knoten" schwieriger Situationen zu lösen — zerrüttete Ehen, familiäre Entfremdung, finanzielle Not, Krankheit und andere verwickelte Umstände, die den Betenden über die eigene Kraft hinauszugehen schienen.
Die Andacht verbreitete sich in den folgenden Jahrzehnten stetig in Argentinien, größtenteils als Basisbewegung in den Pfarreien und nicht als offiziell geförderte Praxis. Alles änderte sich im März 2013, als Kardinal Bergoglio zum Papst Franziskus gewählt wurde. Seine persönliche, gut dokumentierte Verbindung zum Augsburger Gemälde machte aus einer regionalen argentinischen Andacht fast über Nacht ein weltweites Phänomen — Kirchen rund um den Globus begannen, eigene Kopien des Bildes in Auftrag zu geben, und Novenen sowie Gebetskärtchen zu „Maria, Knotenlöserin" wurden in einem Ausmaß verfügbar, das sich die bayerische Kirche, die das Original fast dreihundert Jahre still bewahrt hatte, kaum hätte vorstellen können.
Die Theologie hinter den Knoten
Die Bildsprache der knotenlösenden Maria greift auf einen viel älteren Faden christlicher Reflexion zurück als das Gemälde von 1700. Der heilige Irenäus von Lyon entwickelte im zweiten Jahrhundert einen Gegensatz zwischen Eva und Maria, auf dem die spätere katholische Tradition ausgiebig aufbaute: Wo Evas Ungehorsam im Garten als das Knüpfen eines Knotens der Sünde und des Todes für die Menschheit beschrieben wird, gilt Marias gehorsames „Ja" bei der Verkündigung als das Lösen desselben Knotens durch ihre Mitwirkung am Heilsplan Gottes. Diese Parallele zwischen Eva und Maria, mitunter Maria als „neue Eva" genannt, war seit weit über tausend Jahren in der theologischen Literatur verbreitet, bevor Schmidtner je den Pinsel ansetzte — das Augsburger Gemälde gab einer Idee, über die die Kirche bereits Jahrhunderte lang meditiert hatte, eine eindrucksvolle visuelle Gestalt.
Vor diesem Hintergrund gelesen, sind die „Knoten" der Andacht nicht als magisches Auflösen von Problemen gedacht, sondern als Bild für Marias Fürsprecherrolle: die verwickelten Schwierigkeiten eines Menschen im Gebet vor Gott zu tragen, im Vertrauen, dass geduldige, treue Mitwirkung — nach dem Vorbild von Marias eigenem „Ja" — lösen kann, was Kraft allein nicht vermag. Gerade diese geduldige, unaufgeregte Qualität des Bildes — Maria, die einen Knoten nach dem anderen bearbeitet, statt das Band mit einem Ruck zu befreien — ist es, was Verehrer oft als das Berührendste beschreiben, besonders wenn sie vor Problemen ohne schnelle Lösung stehen.
Eine Andacht, die weiterwächst
Heute finden sich Bilder und Statuen von Maria Knotenlöserin in Pfarreien auf fast jedem Kontinent — eine bemerkenswerte Verbreitung für eine Andacht, die bis Anfang der 2010er Jahre fast ausschließlich innerhalb einer einzigen deutschen Stadt und einer Handvoll argentinischer Pfarreien bekannt war. Das Originalgemälde hängt weiterhin in St. Peter am Perlach in Augsburg, wo es weiterhin Pilger empfängt — viele von ihnen heute vor allem wegen der Verbindung zu Papst Franziskus und nicht wegen der lokalen bayerischen Tradition, die es ursprünglich hervorbrachte. Wer weitere Marientitel und ihre eigenen Geschichten erkunden möchte, findet dazu auch Schwarze Madonna von Tschenstochau und Unsere Liebe Frau vom Guten Rat, jede mit eigenem Bild, Ort und einer Geschichte, die weit über ihren Ursprung hinausreichte.






