Die Zehn Gebote am Sinai
Ein Berg, dem man sich nicht leichtfertig näherte
Drei Monate nach der Flucht aus Ägypten schlugen die Israeliten ihr Lager am Fuß eines Berges in der Sinai-Wüste auf. Gott befahl Mose, das Volk vorzubereiten, und diese Vorbereitung war nicht sanft. Am dritten Tag, so die Schrift, "begann es zu donnern und zu blitzen. Schwere Wolken lagen über dem Berg und gewaltiger Hörnerschall erklang. Das ganze Volk im Lager begann zu zittern" (Einheitsübersetzung, Exodus 19,16). Mose führte das Volk zum Fuß des Berges hinaus, aber nicht weiter — Grenzen waren gesetzt worden, und wer den Berg selbst berührte, sollte getötet werden. Dies war keine beiläufige Begegnung.
Gustave Doré, Mose zerbricht die Gesetzestafeln, 1866 — gemeinfrei.
"Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen", fährt Exodus fort. "Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig" (Exodus 19,18). In dieses Feuer und diesen Rauch rief Gott Mose allein hinauf.
Die zehn Worte
Was Mose auf dem Gipfel empfing, war zunächst keine Liste von Regeln, sondern, im hebräischen Sprachgebrauch, "die zehn Worte" — ein Bund, eine Beziehung mit angehängten Verpflichtungen. Der Text von Exodus 20 eröffnet mit der Identität des Sprechenden, noch vor allem anderen: "Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus" (Exodus 20,2). Alles Folgende gründet in dieser bereits vollbrachten Rettungstat — die Gebote sind nicht der Preis der Rettung; sie sind die Form, die das Leben eines geretteten Volkes annehmen sollte.
Die Gebote selbst bewegen sich von der Anbetung zum Nächsten. Gott allein soll angebetet werden, ohne Götzenbilder, die für ihn stehen (Exodus 20,3-5). Sein Name soll nicht leichtfertig gebraucht werden (20,7). Der Sabbat soll gehalten werden, eine Ruhe nach dem Vorbild von Gottes eigener Ruhe nach der Schöpfung (20,8-11). Dann wenden sich die Gebote nach außen: Ehre für die Eltern und Verbote gegen Töten, Ehebruch, Diebstahl, falsches Zeugnis und Begehrlichkeit — schließend mit: "Du sollst nicht morden. Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst nicht stehlen" (20,13-15).
Zerbrochene Tafeln, erneut gemeißelte Tafeln
Mose stieg vom Berg herab und trug "die beiden Tafeln der Bundesurkunde, steinerne Tafeln, auf die der Finger Gottes geschrieben hatte" (Exodus 31,18) — nur um das Lager anzutreffen, wie es ein Goldenes Kalb anbetete, das sie aus ihrem eigenen Schmuck geschmolzen hatten. Wütend zerschmetterte er die Tafeln am Fuß des Berges. Gott wandte sich nicht wegen dieses Versagens vom Bund ab. Er befahl Mose, zwei neue Steintafeln zu meißeln und wieder hinaufzusteigen, und Mose "blieb dort beim Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte. Er aß kein Brot und trank kein Wasser. Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln" (Exodus 34,28).
Dieser zweite Aufstieg zählt ebenso sehr wie der erste. Das Gesetz überlebt Israels ersten großen Untreueakt — es wird erneut gegeben, nicht zurückgezogen.
Katholische Lesart: Gesetz, in Stein geschrieben, dann ins Herz
Die katholische Tradition hat den Dekalog nie als Artefakt antiker israelitischer Gesetzgebung behandelt, das man bewundert und dann beiseitelegt. Der Katechismus der katholischen Kirche baut seinen gesamten moralischen Abschnitt um die Zehn Gebote auf und stellt sie als den bleibenden Ausdruck des natürlichen Sittengesetzes dar — im Prinzip der Vernunft zugänglich, aber hier in der Klarheit der Offenbarung gegeben, weil menschliche Herzen dafür abgestumpft waren.
Christus selbst hebt die Gebote nicht auf; er verschärft sie. In der Bergpredigt geht er von "Du sollst nicht morden" zum Zorn selbst als Wurzelsünde über, von "Du sollst nicht die Ehe brechen" zum inneren Blick, der ihm vorausgeht (Matthäus 5,21-28). Die Kirchenväter lasen dies als Erfüllung statt Ersetzung — das am Sinai in Stein geschriebene Gesetz findet seine wahre Heimat, ins menschliche Herz geschrieben, ein Thema, das der Prophet Jeremia bereits vorweggenommen hatte: ein kommender Bund, in dem Gottes Gesetz "in sie hineingelegt" und "auf ihr Herz geschrieben" würde (Jeremia 31,33).
Moses vierzig Fastentage auf dem Berg, ohne Brot oder Wasser, werden zudem typologisch gelesen — eine Vorausdeutung auf Christi eigene vierzig Fastentage in der Wüste vor seiner Versuchung (Matthäus 4,1-2), der neue Mose, der das Gesetz nicht bloß überbringt, sondern es in seiner eigenen Person erfüllt.
Ein Bund, nicht bloß ein Kodex
Was den Sinai theologisch von einem Gesetzeskodex unterscheidet, den irgendein antiker König erlassen hat, ist die Bundesbeziehung, die ihn rahmt. Die Gebote eröffnen mit Gottes Selbstvorstellung als Retter, nicht zuerst als Herrscher. Gehorsam ist Antwort, nicht Handel. Diese Rahmung prägt, wie Katholiken gelehrt werden, die Gebote noch heute zu betrachten — nicht als äußerlichen Zwang, der einem sonst freien Leben auferlegt wird, sondern als den Umriss dessen, wie ein von Gott befreites Leben tatsächlich aussieht, wenn es gelebt wird.
Der in Feuer gehüllte Berg, das zitternde Lager, das Horn, das keine menschlichen Lippen bliesen — all das kennzeichnet den Sinai als einen Moment, in dem Himmel und Erde sich unmittelbar, kurz, trafen und etwas Dauerhaftes hinterließen. Zwei zerbrochene Tafeln und zwei weitere an ihrer Stelle gemeißelt erzählen den Rest der Geschichte: der Bund, den Gott schließt, lässt sich nicht so leicht auflösen.
Weiterführende Lektüre: siehe Mose — Anführer des Exodus, Empfänger des Gesetzes für den vollständigeren Bogen vom brennenden Dornbusch bis zum Sinai, und Die Durchquerung des Roten Meeres für das, was unmittelbar davor geschah.






