Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

Zwei sehr unterschiedliche Zuhörerkreise
Lukas bereitet die Szene sorgfältig vor, ehe Jesus überhaupt spricht. Auf der einen Seite stehen „Zöllner und Sünder" – Menschen, deren Beruf oder Lebensweise sie an den Rand der angesehenen jüdischen Gesellschaft stellte –, die näherkommen, um zuzuhören. Auf der anderen Seite murren die Pharisäer und Schriftgelehrten: „Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen" (Lukas 15,1-2, Einheitsübersetzung). Es ist als Vorwurf gemeint, ein Versuch, Jesus durch diese Gesellschaft in Verruf zu bringen. Seine Antwort ist keine Verteidigung im üblichen Sinn – kein Argument über Theologie oder Gesetz. Stattdessen „erzählte er ihnen ein Gleichnis" (Lukas 15,3) und lässt die Geschichte für sich selbst sprechen.
Domenico Fetti, „Das Gleichnis vom verlorenen Schaf", um 1620, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden — gemeinfrei.
Eine Frage, die eine offensichtliche Antwort voraussetzt – und keine ist
Jesus eröffnet mit einer rhetorischen Frage, die selbstverständlich klingen soll: „Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?" (Lukas 15,4, Einheitsübersetzung). So formuliert, klingt es nach gesundem Menschenverstand – natürlich geht ein Hirte dem fehlenden Schaf nach. Doch die Wirtschaftlichkeit hinter der Frage ist weniger eindeutig, als die Rhetorik suggeriert. Neunundneunzig Schafe unbeaufsichtigt in offenem, oft gefährlichem Gelände zurückzulassen, um einem einzigen nachzujagen, das vielleicht schon einem Raubtier oder einer Schlucht zum Opfer gefallen ist, ist nach jedem praktischen Maßstab ein erhebliches Risiko. Die Frage klingt harmlos und rhetorisch. In Wirklichkeit beschreibt sie einen Hirten, der bereit ist, die vielen für den einen zu riskieren – genau der Punkt, auf den Jesus hinaus will.
Getragen, nicht getrieben
Der Wendepunkt des Gleichnisses liegt in einem kleinen körperlichen Detail, das man leicht überliest. Als der Hirte das Schaf findet, treibt er es nicht mit dem Stab zurück zur Herde. „Er nimmt es voll Freude auf die Schultern" (Lukas 15,5, Einheitsübersetzung). Ein verlorenes Schaf ist, wie Hirten aus ihrer eigenen Erfahrung berichten, nach dem Auffinden oft zu erschöpft oder verängstigt, um selbst zurückzulaufen – das Tragen ist also weniger Sentimentalität als praktische Notwendigkeit. Doch das Evangelium rahmt es als mehr als bloße Logistik: Das Schaf wird nach Hause getragen, und seine Rückkehr wird öffentlich gemacht. Der Hirte „ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen", eigens um zu feiern, und sagt: „Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war" (Lukas 15,6, Einheitsübersetzung) – aus einer stillen, privaten Erleichterung wird ein geteilter Anlass zur Freude.
Die Aussage, die Jesus selbst ausspricht
Anders als bei manchen seiner Gleichnisse lässt Jesus dieses nicht offen für Deutung. Er formuliert die Bedeutung direkt: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren" (Lukas 15,7, Einheitsübersetzung). Es ist eine direkte Erwiderung auf den Vorwurf der Pharisäer – nicht, indem er argumentiert, dass es akzeptabel sei, mit Sündern zu essen, sondern indem er Gottes eigene Prioritäten so beschreibt, dass sie denen des Hirten gleichen: unverhältnismäßiger Einsatz für den einen, der verloren ist, unverhältnismäßige Freude über seine Rückkehr. Das Gleichnis schmälert den Wert der neunundneunzig, die geblieben sind, nicht – es weigert sich nur, den einen, der abgeirrt ist, als nicht der Mühe wert zu behandeln.
Dieselbe Geschichte, ein anderes Publikum, bei Matthäus
Das Matthäusevangelium überliefert eine Fassung desselben Gleichnisses in einem merklich anderen Zusammenhang. Statt eine Antwort auf Kritiker von Jesu Tischgenossen zu sein, stellt Matthäus es in eine Lehrrede an die Jünger selbst, unmittelbar nach der Warnung, „einen von diesen Kleinen zu verachten" (Matthäus 18,10, Einheitsübersetzung) – vermutlich ein Hinweis auf verletzliche oder im Glauben ringende Mitglieder der frühen christlichen Gemeinde, nicht speziell auf Kinder. Matthäus' Fassung endet mit einer ähnlichen, aber eigenständigen Schlussfolgerung: „So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht" (Matthäus 18,14, Einheitsübersetzung). Die beiden Kontexte zeigen, wie dieselbe Geschichte Unterschiedliches leistet – bei Lukas eine Verteidigung von Jesu Zuwendung zu Außenseitern, bei Matthäus eine innergemeindliche Mahnung, ringende Mitglieder nicht abzuschreiben.
Ein Hirte mitten in der Rettung gemalt
Domenico Fetti malte dieses Gleichnis, zusammen mit mehreren anderen Gleichnissen aus den Evangelien, als Teil einer Serie, die ursprünglich für ein privates Studierzimmer in Mantua entstand – kleine, intime Leinwände für die stille Betrachtung, nicht für die große öffentliche Schau. Seine hier abgebildete Version zeigt den Hirten bereits mit dem geretteten Schaf über rauem Gelände, den Moment der Rettung schon vollzogen statt noch im Gange – passend zur vollendeten Freude, mit der das Gleichnis selbst endet.
Warum das Gleichnis als Bild Gottes fortwirkt
Kaum eine andere Einzelstelle der Evangelien hat die christliche Vorstellung von der göttlichen Barmherzigkeit so geprägt wie das verlorene Schaf – nicht zuletzt, weil es Gottes Initiative nicht im Warten auf die eigene Umkehr des Sünders verortet, sondern im aktiven Aufbruch, ihn zu suchen. Dasselbe Bild liegt dem Titel zugrunde, den Christen Jesus an anderer Stelle in den Evangelien geben: der Gute Hirte, der von sich selbst sagt: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe" (Johannes 10,11, Einheitsübersetzung). Wie andere kurze ländliche Gleichnisse Jesu zwingt auch dieses die Zuhörer zur Selbstprüfung — nicht nur, welcher Boden oder welches Schaf man ist, sondern ob man glaubt, die Suche überhaupt wert zu sein.
Trivia
Wo in der Bibel steht das Gleichnis vom verlorenen Schaf?
Warum erzählte Jesus dieses Gleichnis überhaupt?
Was tut der Hirte, als er das verlorene Schaf findet?
Was ist die Kernaussage des Gleichnisses, laut Jesus selbst?
Ist das dasselbe Gleichnis wie das vom verlorenen Sohn?






