Die Wurzel Jesse in der Kunst
Eine Zeile Prophetie, entfaltet
Das gesamte Bild geht auf einen einzigen, knappen Vers im Buch Jesaja zurück: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“ (Einheitsübersetzung, Jesaja 11,1). Jesse war in der alttestamentlichen Erzählung der Vater König Davids — die Prophezeiung verheißt also einen künftigen Herrscher aus Davids Geschlecht, und zwar zu einer Zeit, Jahrhunderte nach David, als diese königliche Linie politisch und dynastisch abgeschnitten war, gleich einem gefällten Baum, von dem nur noch ein Stumpf blieb. Christliche Leser verstanden diese Prophezeiung von den frühesten Jahrhunderten der Kirche an als Verheißung Christi, dessen Stammbaum sowohl das Matthäus- als auch das Lukasevangelium über David zurückverfolgen, bei Matthäus sogar ausdrücklich bis zu Jesse selbst (Matthäus 1,1-17). Diese Deutung in einen tatsächlichen bildlichen Stammbaum zu verwandeln, war jedoch eine ausgesprochen mittelalterliche künstlerische Erfindung — nichts bei Jesaja beschreibt Zweige, Blätter oder ein buchstäbliches Baumdiagramm, und die frühesten bekannten Darstellungen der Wurzel Jesse erscheinen erst um das elfte Jahrhundert.
Wurzel Jesse, aus dem Queen Mary Psalter, um 1310-1320, British Library Royal MS 2 B VII, f.67v — gemeinfrei (CC0).
Jesse, schlafend an der Wurzel
Das auffälligste und wiedererkennbarste Merkmal der Komposition ist ihre unterste Gestalt: Jesse selbst, fast immer liegend oder schlafend dargestellt, oft auf der Seite, während der Baumstamm unmittelbar aus seinem Leib emporwächst — aus seiner Brust, seiner Seite oder gelegentlich seinem Nabel, je nach Künstler. Diese bildliche Wahl greift unmittelbar auf Jesajas eigene Sprache vom „Stumpf“ und den „Wurzeln“ zurück und verleiht der Metapher Gestalt, wie es mittelalterliche Künstler gern taten: Spricht die Prophezeiung von Jesse als Stumpf, aus dem neues Wachstum hervorgeht, so wird Jesses eigener schlafender, liegender Leib zu diesem Stumpf, und der Baum wächst aus ihm hervor, fast wie ein Traum, der über dem Träumenden Gestalt annimmt. Dieser Kunstgriff verleiht der gesamten Komposition einen starken vertikalen Ankerpunkt und einen sofort lesbaren Ausgangspunkt, wie verschlungen sich die verzweigte Genealogie über ihm auch entfaltet.
Aufstieg durch Könige und Propheten zu Christus
Über Jesse verzweigt sich der Baum aufwärts durch eine Folge von Gestalten aus der königlichen Linie Judas — Könige wie David und Salomo erscheinen gewöhnlich gekrönt und thronend in Rundmedaillons, die von den sich windenden Zweigen des Baumes gebildet werden, mitunter begleitet von alttestamentlichen Propheten, die Schriftrollen mit genau jenen Weissagungen halten, die die christliche Tradition als Vorausdeutung auf Christi Kommen las. Die Reihe steigt zu einem nahezu universellen Höhepunkt: der Jungfrau Maria, die gewöhnlich unmittelbar unter der Spitze sitzt, oft selbst thronend in einem kleineren Echo von Jesses ursprünglicher Haltung dargestellt, und schließlich Christus, der die gesamte Komposition krönt, mitunter umgeben von sieben Tauben, die die sieben Gaben des Heiligen Geistes darstellen, die in Jesajas Fortsetzung derselben Prophezeiung nur zwei Verse später genannt werden (Jesaja 11,2) — ein Detail, das die gesamte Komposition bis zu ihrem obersten Punkt mit ihrem Ursprungstext verknüpft.
Warum Glasmaler dieses Sujet so liebten
Die Wurzel Jesse fand in gotischen Kathedralenfenstern eine besonders natürliche Heimat, und das war kein Zufall. Ein hohes, schmales Lanzettfenster teilt dieselben Grundproportionen wie ein himmelwärts strebender Baumstamm, und die verzweigte Struktur des Motivs bot den Glasmalern ein eingebautes System, um Dutzende einzelner Figuren in Rundmedaillons zu ordnen, die durch fließendes, fortlaufendes Rankenwerk verbunden sind — so füllte ein einziges, geschlossenes Bild ein ganzes Fenster, statt einer unverbundenen Abfolge einzelner Szenen. Das Wurzel-Jesse-Fenster der Kathedrale von Chartres aus dem zwölften Jahrhundert zählt zu den berühmtesten erhaltenen Beispielen, seine tiefen Blau- und Rottöne leuchten mit einer Intensität, die spätere Glasmalerei nur selten erreichte, und ähnliche Fenster sind an Kathedralen in Frankreich, England und Deutschland erhalten, häufig an prominenter Stelle platziert — manchmal direkt über einem Haupteingang oder hinter dem Hochaltar — gerade weil der genealogische Bogen des Sujets eine so passende bildliche Einführung in die Heilsgeschichte bot, die das gesamte Kunstprogramm einer Kathedrale zu erzählen suchte.
Handschriften, Elfenbeinarbeiten und mehr
Glasmalerei war nicht das einzige Medium des Motivs. Illuminierte Handschriften, insbesondere Psalterien und andere Andachtsbücher für den privaten Gebrauch, eröffneten häufig mit einer ganzseitigen Miniatur der Wurzel Jesse, gemalt in Eitempera und Blattgold in einem Detailgrad, den Glas nie erreichen konnte, mit außerordentlich feiner Ausarbeitung einzelner Gesichter und Gewänder. Die Wurzel Jesse erscheint auch in Elfenbein-Diptychen geschnitzt, auf liturgische Gewänder gestickt und in Fresken auf Kirchenwände gemalt — ein Beleg dafür, wie tief sich das Bild bis zum zwölften und dreizehnten Jahrhundert in nahezu jedem bildlichen Medium der mittelalterlichen christlichen Kunst verankert hatte.
Ein Stammbaum mit theologischer Aussageabsicht
Anders als ein gewöhnliches Ahnentableau ging es bei der Wurzel Jesse nie wirklich darum, eine genaue historische Abstammungslinie um ihrer selbst willen zu belegen — mittelalterliche Betrachter mussten nicht die exakte Abfolge der dargestellten Könige auswendig kennen. Ihr eigentlicher Zweck war theologisch: augenfällig zu machen, dass Christi Kommen Jahrhunderte im Voraus vorbereitet worden war, verheißen durch eine bestimmte Prophezeiung an ein bestimmtes Geschlecht, sodass jeder, der unter einem Jesse-Fenster stand oder es in einem Psalter aufschlug, mit einem einzigen Blick von Jesses schlafendem Leib bis zu dem thronenden Christus an der Spitze den ganzen Bogen dieser erfüllten Verheißung erfassen konnte.





