Das Samstagsgedenken der Seligen Jungfrau Maria

Schlägt man ein katholisches Messbuch an einem beliebigen Samstag auf, der nicht schon einem Heiligenfest oder einem Hochfest gehört, findet sich fast immer derselbe unscheinbare Vermerk: ein fakultatives Gedenken an Maria. Kein besonderes Ereignis, keine Erscheinung, kein Jahrestag — einfach Maria, Woche für Woche mit einem eigenen Tag bedacht, aus Gründen, die über tausend Jahre zurückreichen zu Mönchen, die eine Lücke in ihrem Gebetskalender füllen wollten.

Ein Tag ohne offensichtlichen Anspruch

Der Festkalender der Kirche ordnet fast jedem Tag im Jahr etwas Bestimmtes zu — den Todestag eines Heiligen, ein Geheimnis aus dem Leben Christi, ein Hochfest, das an die Heilsgeschichte erinnert. Der Samstag jedoch stellte die mittelalterliche Kirche vor ein eigenartiges Problem. Der Sonntag gehörte unbestritten der Auferstehung; dieser Anspruch reicht zurück bis in die frühesten christlichen Gemeinden, die sich «am ersten Wochentag» versammelten (Einheitsübersetzung, Apostelgeschichte 20,7) — eben weil an diesem Tag Christus auferstanden war. Der Samstag aber hatte keinen vergleichbaren Anspruch. Er trug den Nachhall des jüdischen Sabbats in sich, und in der Karwoche markierte er den Tag, an dem Christus im Grab lag — doch als gewöhnlicher, wiederkehrender Wochentag im übrigen Jahreslauf besaß er keine eigene feste liturgische Identität.

Carlo Dolcis Porträt der betenden Jungfrau Maria, die Hände gefaltet, den Blick zum Himmel erhoben, gehüllt in einen blauen Mantel vor dunklem Hintergrund.

Carlo Dolci, Madonna (Betende Jungfrau), 17. Jahrhundert — gemeinfrei.

Mittelalterliche Klostergemeinschaften, deren gesamter Lebensrhythmus um ein geregeltes tägliches und wöchentliches Gebet kreiste, scheinen diese Lücke gefüllt zu haben. Ab etwa dem 9. Jahrhundert tauchen in westeuropäischen Klosterquellen erste Hinweise auf einen Brauch auf, die samstäglichen Votivgebete — also Gebete für ein bestimmtes Anliegen, nicht an die Tageslesungen gebunden — an Maria zu richten. Der Brauch wurde nicht von Rom aus verordnet; er entstand von unten, aus Klostergemeinschaften, die nach einem passenden Weg suchten, die Woche zu beschließen, bevor am Sonntag die Feier der Auferstehung begann.

Warum ausgerechnet der Samstag

Mittelalterliche Theologen und liturgische Schriftsteller boten mehrere Erklärungen für die Wahl des Samstags an, und man sollte ehrlich unterscheiden, welche davon auf solider historischer Argumentation beruhen und welche eher fromme Überlieferung sind, die sich als Erklärung ausgibt — die Kirche selbst hat nie eine verbindliche Antwort verkündet, und über Jahrhunderte hinweg kursierten mehrere Deutungen nebeneinander.

Die Erklärung, die in der Volksfrömmigkeit am tiefsten verwurzelt ist, lautet: Am ersten Karsamstag, zwischen der Kreuzigung am Freitag und der Auferstehung am Ostermorgen, habe Maria der Überlieferung nach als Einzige unter den Anhängern Christi unerschütterlich daran geglaubt, dass er auferstehen werde — während die Apostel sich aus Angst zerstreut und versteckt hatten. Die Schrift berichtet das nicht ausdrücklich — keines der Evangelien beschreibt Marias Seelenzustand an jenem bestimmten Tag —, doch die Überlieferung stützt sich auf das umfassendere biblische Bild Marias als der Jüngerin, deren Glaube niemals wankte, ausgehend von ihrer Antwort bei der Verkündigung selbst: «Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast» (Einheitsübersetzung, Lukas 1,38). Mittelalterliche Autoren schlossen daraus: Wenn der Glaube der ganzen Kirche an die Auferstehung für einen Tag gleichsam auf einer einzigen Person geruht habe, dann sei es folgerichtig, dieser Person — Maria — einen eigenen wöchentlichen Tag zu widmen, unmittelbar vor dem Tag, der ihren Glauben bestätigte.

Eine zweite, eher praktische Erklärung verknüpft den Brauch mit dem Aufbau der klösterlichen Woche selbst. Mittelalterliche Klöster ordneten den einzelnen Wochentagen häufig unterschiedliche Votivanliegen zu — Gebete für die Verstorbenen, für die Heilige Dreifaltigkeit, für verschiedene Anliegen — und als sich dieses System festigte, wurde der Samstag teilweise durch ein Ausschlussverfahren mit Maria verbunden, da die theologisch «naheliegenderen» Tage bereits vergeben waren: der Sonntag für die Auferstehung, der Freitag für das Leiden. Manche Forscher verweisen zudem auf ältere, vorchristliche Verbindungen zwischen dem Samstag und dem ihm in der antiken Astrologie zugeordneten Planeten, wobei sich die liturgischen Quellen der Kirche jedoch weit stärker auf die Karsamstag-Erklärung stützen als auf eine astrologische Deutung.

Vom Kloster zum weltweiten Kalender

Was als örtlicher Klosterbrauch begann, verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten allmählich in der weiteren kirchlichen Praxis. Bis zum 11. und 12. Jahrhundert wurden eigene Messtexte für eine samstägliche Votivmesse zu Ehren Marias — mitunter Missa de Sancta Maria in Sabbato genannt — verfasst und unter Ordensgemeinschaften und schließlich auch unter Weltklerus in ganz Westeuropa verbreitet. Ordensgemeinschaften, besonders die Zisterzienser und später die Dominikaner und Franziskaner, trugen zur weiteren Verbreitung des Brauchs bei, indem sie ihn in ihr eigenes Gemeinschaftsgebet einwoben und durch ihre Predigttätigkeit auch in die Frömmigkeit der einfachen Gläubigen brachten.

Der Brauch fand schließlich Eingang in die offiziellen liturgischen Bücher des römischen Ritus als fakultative Feier an Samstagen, die keinem bestimmten Heiligenfest oder Hochfest zugeordnet waren. Die Kalenderreform von 1969, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil folgte, behielt dieses Gedenken ausdrücklich bei: Die Allgemeinen Normen für das Kirchenjahr und den Kalender nennen «das Samstagsgedenken der Seligen Jungfrau Maria» unter den anerkannten Gedenktagen der Kirche und beschreiben es als passenden Weg für die ganze Kirche, Maria regelmäßig zu ehren — nicht nur an ihren über das Jahr verstreuten eigenen Festtagen.

Was das Gedenken in der Praxis bedeutet

In der Praxis gehört das samstägliche Marien-Gedenken zu den niedrigstrangigen Feiern im Kalender der Kirche — es handelt sich technisch um ein fakultatives Gedenken. Das bedeutet: Der einzelne Priester kann es feiern oder stattdessen die gewöhnlichen Werktagslesungen verwenden, und es entfällt automatisch, sobald ein höherrangiges Fest, Hochfest oder ein Sonntag auf denselben Tag fällt. Das Römische Messbuch stellt eigens für dieses Gedenken mehrere alternative Formulare bereit, die Sprache und Themen verschiedener Marienfeste und -titel des Jahres aufgreifen — dadurch bekommt die einzelne Feier eine gewisse Abwechslung, statt jede Woche dieselben Gebete zu wiederholen.

Für die meisten Gläubigen zieht das Gedenken selten die Aufmerksamkeit auf sich, die große Marienfeste wie Mariä Aufnahme in den Himmel oder die Verkündigung erhalten — es gibt keine Prozession, keinen besonderen Schmuck, oft nicht einmal eine Ankündigung außer dem Vermerk im Messbuch. Doch gerade dieser stille, wiederkehrende Charakter ist wohl der eigentliche Sinn der Sache. Statt wie die großen Feste ein einzelnes, dramatisches Ereignis in Marias Leben zu markieren, schafft das Samstagsgedenken schlicht eine Gewohnheit: sich ihr, kurz, jede einzelne Woche zuzuwenden — ein kleiner, beständiger Rhythmus, ererbt von Mönchen, die vor mehr als tausend Jahren beschlossen, dass eine Woche nicht enden sollte, ohne ihr einen Tag gewidmet zu haben.

Trivia

Was ist das Samstagsgedenken der Seligen Jungfrau Maria?
Es handelt sich um ein fakultatives Gedenken im Kirchenjahr der katholischen Kirche, das an Samstagen begangen wird, die keinem bestimmten Heiligenfest, Hochfest oder einer anderen Feier zugeordnet sind. Priester können dabei Messtexte und Gebete zu Ehren Marias wählen, statt die gewöhnlichen Werktagslesungen zu verwenden.
Warum ist ausgerechnet der Samstag mit Maria verbunden?
Der Brauch reicht mindestens bis ins 9. Jahrhundert zurück und entstand aus der frühmittelalterlichen Klosterpraxis. Mittelalterliche Autoren boten mehrere Erklärungen an, darunter den Gedanken, dass der Samstag — der Tag vor der sonntäglichen Feier der Auferstehung — Marias Glauben ehrt, da sie auf die Auferstehung Christi wartete, während die übrigen Jünger sich aus Angst zerstreut hatten.
Ist das Samstagsgedenken Marias ein gebotener Feiertag?
Nein — es ist ein fakultatives Gedenken, eine der niedrigsten Rangstufen im Festkalender der Kirche. Priester können es feiern, sind aber nicht dazu verpflichtet, und es entfällt automatisch, sobald ein höherrangiges Fest, Hochfest oder ein Sonntag auf denselben Tag fällt.
Welcher Marientitel wird bei diesem Gedenken verwendet?
Es gibt keinen einzelnen festgelegten Titel; das Gedenken wird meist schlicht als «Selige Jungfrau Maria» begangen. Das Römische Messbuch stellt dafür mehrere alternative Formulare bereit, die verschiedenen Marienfesten und -titeln entnommen sind, sodass sich die Feier von Samstag zu Samstag im Kirchenjahr etwas unterscheiden kann.
Wie alt ist der Brauch eines wöchentlichen Marientags?
Andachtstexte, die ein besonderes Samstagsgedenken an Maria erwähnen, tauchen bereits im 9. Jahrhundert in benediktinischen Klostergemeinschaften Europas auf. Bis zum 11. und 12. Jahrhundert war der Brauch bereits so gefestigt, dass eigene Votivmessen für den Samstag zu Ehren Marias verfasst und verbreitet wurden.
✦   Link copied

Find us

Explore the full collection and bring sacred art into your home.