Das Kreuzzeichen erklärt — Geschichte und Bedeutung

Eine Geste, älter als die Worte, die man dazu spricht
Fragt man die meisten Katholiken, was das Kreuzzeichen bedeutet, beginnt und endet die Antwort meist bei „so beginnt man ein Gebet". Das stimmt, aber es unterschätzt eine Geste, die die Kirche mit echtem theologischem Gewicht bei jeder einzelnen Ausführung versieht — keine räuspernde Bewegung vor dem eigentlichen Gebet, sondern ein kleiner Gebetsakt für sich.
El Greco, Christus als Erlöser (Salvator Mundi), um 1600, Museo del Greco, Toledo — gemeinfrei.
Die moderne Form ist einfach: die Stirn berühren, dann die Brust, dann die linke Schulter, dann die rechte (in der westlichen Tradition; östliche Christen bewegen die Hand üblicherweise von rechts nach links), während man spricht: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen." Zwei Dinge geschehen gleichzeitig. Die Worte nennen die drei Personen der Dreifaltigkeit — ein Gott, drei Personen, das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens. Die Bewegung zeichnet die Umrisse des Kreuzes selbst, des Werkzeugs von Christi Tod und, im christlichen Glauben, der Quelle der Erlösung der Menschheit. Die Dreifaltigkeit nennen, das Kreuz zeichnen — in dieser Kombination liegt die gesamte Bedeutung der Geste.
Älter als die volle Geste: ein kleines Kreuz zeichnen
Die Praxis der Christen, sich mit dem Kreuzzeichen zu bezeichnen, reicht viel weiter zurück als die heute übliche volle, von der Stirn bis zu den Schultern reichende Fassung. Der frühchristliche Schriftsteller Tertullian, tätig um die Wende zum dritten Jahrhundert in Nordafrika, beschrieb Gläubige, die als tägliche Gewohnheit ein kleines Kreuz auf die Stirn zeichneten — bei Mahlzeiten, beim Verlassen oder Betreten eines Hauses, vor jeder gewöhnlichen Aufgabe, eine beständige, fast reflexartige Markierung des gewöhnlichen Lebens mit dem Zeichen von Christi Tod und Sieg. Diese kleinere Geste — nur die Stirn — geht der später entstandenen größeren Fassung, die auch Brust und Schultern einbezieht, um Jahrhunderte voraus.
Wie und wann genau sich die größere Geste entwickelte und wie sich die Abfolge der Berührungen zur heutigen Form fügte, ist nicht mit derselben Genauigkeit überliefert — Liturgiehistoriker zeichnen eine allmähliche Entwicklung über mehrere Jahrhunderte nach, nicht einen einzelnen Erfindungsmoment. Klar ist, dass der zugrunde liegende Instinkt die ganze Zeit über konstant blieb: eine körperliche Markierung des Leibes mit dem Zeichen des Kreuzes, die gewöhnliche Momente des Lebens mit dem zentralen Akt des christlichen Glaubens verbindet.
Warum Dreifaltigkeit und Kreuz zusammengehören
Die beim Kreuzzeichen gesprochenen Worte — Vater, Sohn und Heiliger Geist — sind das grundlegendste Glaubensbekenntnis der Kirche zur Dreifaltigkeit, der Lehre, dass Gott einem Wesen nach, aber drei Personen ist. Diese Aussage mit der physischen Form des Kreuzes zu verbinden ist kein Zufall. Das Kreuz ist im christlichen Glauben genau der Ort, an dem das erlösende Wirken der Dreifaltigkeit seinen Höhepunkt erreicht: der Vater, der den Sohn sendet, der Sohn, der sich im Gehorsam hingibt, der Geist, der als Folge ausgegossen wird. Das Kreuz zu zeichnen, während man die Dreifaltigkeit nennt, verschmilzt diese beiden Wahrheiten zu einer Geste, klein genug, um sie in unter zwei Sekunden zu machen, aber dicht genug an Bedeutung, dass Theologen ganze Abhandlungen darüber geschrieben haben.
Der Katechismus beschreibt dies präzise im Kontext der Messe, wo das Kreuzzeichen die Feier eröffnet: Es prägt denjenigen, der zu Christus gehören wird, mit seinem Zeichen und bedeutet die Gnade der durch sein Kreuz gewirkten Erlösung (vgl. KKK 1235). Die Geste kündigt nicht nur an, dass ein Gebet beginnt — sie beansprucht die Person, die sie vollzieht, als zu Christus gehörig, und weist jedes Mal wieder auf das Kreuz als Quelle dieser Zugehörigkeit zurück.
Ost und West: ein kleiner Unterschied, keine gespaltene Bedeutung
Besuchern einer unierten oder orthodoxen Liturgie fällt manchmal auf, dass die Geste in die entgegengesetzte Richtung verläuft, an die sie gewöhnt sind — von der rechten zur linken Schulter statt umgekehrt. Das ist schlicht ein Unterschied im rituellen Brauch zwischen der westlichen (lateinischen) Kirche und den Ostkirchen, unabhängig voneinander über die Jahrhunderte entwickelt, und trägt keinen Unterschied in der theologischen Bedeutung. Beide Traditionen zeichnen dasselbe Kreuz, rufen dieselbe Dreifaltigkeit an und meinen dasselbe mit der Geste; nur die Richtung der Hand unterscheidet sich.
Wo die kleine Fassung noch überlebt: das Evangelium in der Messe
Die kompakte, nur die Stirn betreffende Fassung, die Tertullian im zweiten Jahrhundert beschrieb, ist nicht verschwunden — sie überlebt in einem bestimmten Moment jeder katholischen Messe. Kurz bevor das Evangelium verkündet wird, zeichnet die Gemeinde mit dem Daumen ein kleines Kreuz auf Stirn, Lippen und Herz, begleitet von einem stillen Gebet, dass Gottes Wort im Denken Wurzeln schlage, ohne Scham ausgesprochen und im Herzen bewahrt werde. Es ist ein unmittelbarer Nachklang jener alten täglichen Gewohnheit, allein die Stirn zu bezeichnen, bewahrt innerhalb der Struktur der Messe lange nachdem die größere, den ganzen Körper einbeziehende Geste anderswo zur gebräuchlicheren Form geworden ist.
Eine Gewohnheit, die die Worte überdauert
Wiederholung kann die Bedeutung fast von allem abnutzen, und das Kreuzzeichen, von so vielen so oft gemacht, läuft Gefahr, genau zu dieser Art automatischer Bewegung zu werden — die Hand schneller als der Gedanke. Doch die Geste war nie darauf ausgelegt, bei jeder Ausführung bewusste Reflexion zu erfordern, um ihre Bedeutung zu tragen; das ist gerade der Sinn des Ritus. Ob langsam bei der Eröffnung der Messe gezogen oder in einer halben Sekunde vor einer Mahlzeit in einem vollen Restaurant gemacht — das Kreuzzeichen trägt jedes Mal denselben Anspruch: Dreifaltigkeit genannt, Kreuz gezeichnet, Erlösung beansprucht, in kürzerer Zeit, als man sagen könnte, warum.
Trivia
Welche Worte werden beim Kreuzzeichen gesprochen?
Wie alt ist die Praxis, das Kreuzzeichen zu machen?
Warum berühren Katholiken zuerst die linke, dann die rechte Schulter?
Was sagt der Katechismus über die Wirkung des Kreuzzeichens zu Beginn der Messe?
Wird das Kreuzzeichen nur zu Beginn und am Ende von Gebeten verwendet?






