Die acht Seligpreisungen der Bergpredigt

Selig die Armen. Selig die Trauernden. Selig die Verfolgten. Nüchtern gelesen klingt das wie Unsinn — niemand möchte arm, trauernd oder gejagt sein. Und doch sind das die Worte, mit denen Jesus seine berühmteste Predigt eröffnet, und zweitausend Jahre später stellen sie noch immer jede gewöhnliche Vorstellung von einem glücklichen Leben auf den Kopf.

Eine Predigt, die alles umkehrt

Menschenmengen sind Jesus schon durch ganz Galiläa gefolgt und haben ihn Kranke heilen sehen, und als er einen Hügel besteigt, um zu lehren, berichtet Matthäus, dass seine Jünger zu ihm treten und er "begann zu reden und lehrte sie" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,2). Was er zuerst sagt, ist keine Liste von Regeln. Es ist eine Reihe von Segensworten, ausgesprochen genau über jene Menschen, die die galiläische Gesellschaft — wie fast jede Gesellschaft vor und nach ihr — niemals als glücklich bezeichnet hätte: die Armen, die Trauernden, die Verfolgten. Das ist die Bergpredigt, und ihre Eröffnungszeilen sind als Seligpreisungen bekannt, vom lateinischen beatus, "selig".

Gemälde von James Tissot, das Christus bei der Bergpredigt der Seligpreisungen zeigt

James Tissot, Die Predigt der Seligpreisungen, um 1886–1894 (gemeinfrei)

Das Lukasevangelium überliefert eine kürzere, schärfere Fassung derselben Lehre, gesprochen "auf einer ebenen Stelle" statt auf einem Berghang (Einheitsübersetzung, Lukas 6,17). Lukas nennt nur vier Seligpreisungen statt acht und stellt jeder von ihnen ein entsprechendes Weheruf gegenüber: "Selig, ihr Armen" wird später beantwortet durch "Weh euch, ihr Reichen" (Einheitsübersetzung, Lukas 6,20.24). Bibelwissenschaftler streiten seit langem, ob Matthäus und Lukas zwei getrennte Ereignisse oder zwei unterschiedliche Wiedergaben ein und derselben Lehrsituation überliefern, doch so oder so bleibt das Grundmuster in beiden Evangelien bestehen: Segen, ausgesprochen genau über jene Menschen, die eine bequeme Gesellschaft übersieht.

Die acht Seligpreisungen

"Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,3). Nicht bloß materielle Armut ist gemeint, sondern eine Haltung der Abhängigkeit von Gott statt der Selbstgenügsamkeit — das Gegenteil des Stolzes, der meint, niemanden zu brauchen.

"Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,4). Trauer wird hier nicht verklärt, sondern als real anerkannt — und mit der Verheißung verbunden, dass sie nicht das letzte Wort behält.

"Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,5). Sanftmut meint gezügelte Kraft, nicht Schwäche — dasselbe Wort, mit dem die Schrift an anderer Stelle Mose beschreibt.

"Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,6). Ein Verlangen nach dem Rechten, so dringend wie leiblicher Hunger.

"Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,7). Hier zieht sich eine Wechselseitigkeit durch: Das Maß, das man gibt, ist das Maß, das man empfängt.

"Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,8). Reinheit der Absicht und des Verlangens, ungeteilt durch konkurrierende Bindungen.

"Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,9). Keine passiven Friedenswächter, sondern aktiv Versöhnende, die im Handeln Gottes eigenes Wesen widerspiegeln.

"Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich" (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,10). Die Liste endet, wo man es am wenigsten erwarten würde — Leiden für das Rechte wird selbst als eine Form des Segens behandelt, und Jesus fügt gleich darauf noch eine Zeile hinzu: Seine Zuhörer sollen sich "freuen und jubeln", wenn sie um seinetwillen beschimpft und verfolgt werden (Einheitsübersetzung, Matthäus 5,11-12).

Man beachte die Struktur, die sich acht Mal wiederholt: ein Zustand, den die Welt kaum beneiden würde, gepaart mit einer Verheißung, die genau darauf antwortet. Die Armen im Geist empfangen ein Reich; die Trauernden empfangen Trost; die Hungrigen empfangen Sättigung. Es ist keine vage Zusicherung, dass sich am Ende schon alles fügen wird — jede Seligpreisung antwortet gezielt auf genau den zuvor benannten Mangel oder das benannte Leid, als schlösse Jesus bewusst genau die Lücke, die er gerade beschreibt, statt allgemeine Ermutigung zu spenden.

Ein Muster, keine Checkliste

Liest man die Seligpreisungen der Reihe nach, zeichnen sie eine Art geistlichen Bogen — vom Eingeständnis der Not (Armut im Geist, Trauer) über die innere Verwandlung (Sanftmut, Hunger nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Reinheit) bis zur Sendung nach außen (Friedensstiften, Verfolgung ertragen). Der Katechismus beschreibt sie als Abbild "des Antlitzes Jesu Christi", das die Liebe zeichnet, die er selbst gelebt hat (KKK 1717) — weniger eine abzuhakende Liste als ein Porträt, dem man ähnlicher werden soll.

Sie deuten die Jahrhunderte zuvor am Sinai gegebenen Zehn Gebote auch neu, statt sie aufzuheben. Während die Gebote Israel größtenteils sagen, was es nicht tun soll, beschreiben die Seligpreisungen die positiven Haltungen eines Herzens, das sich bereits Gott zugewandt hat — Jesus "erfüllt" das Gesetz, wie er wenige Zeilen später in derselben Predigt sagt, indem er es vertieft, statt es zu verwerfen.

Der Katechismus zieht eine weitere Verbindung, die man kennen sollte: Er deutet die Seligpreisungen als Antwort auf das natürliche menschliche Verlangen nach Glück, ein Verlangen, das der Katechismus als "göttlichen Ursprungs" bezeichnet, gelegt in das menschliche Herz, "um den Menschen zu dem Einen hinzuziehen, der es allein stillen kann" (KKK 1718). So gelesen, sind die Seligpreisungen weniger eine von außen auferlegte Forderung als eine Beschreibung dessen, wo echtes, dauerhaftes Glück tatsächlich zu finden ist — eine Behauptung, die dem ersten Instinkt geradewegs widerspricht, denn keiner der acht genannten Zustände klingt beim ersten Hören nach Glück.

Selig, nicht bloß glücklich

Das Wort hinter "selig" — im griechischen Text makarios — trägt mehr Gewicht als ein Synonym für "glücklich". Es benennt einen Zustand des Rechtseins vor Gott, der selbst unter Umständen bestehen bleibt, die die Welt für erbärmlich hielte: Armut, Trauer, Verfolgung. Genau dieses Paradox sollen die Seligpreisungen ihre Leser aushalten lassen, und deshalb zählen sie zweitausend Jahre nach ihrer ersten Verkündigung auf einem galiläischen Hügel noch immer zu den meistzitierten — und zugleich stillsten und aufwühlendsten — Passagen der Evangelien.

Diese aufwühlende Qualität ist mit ein Grund, warum die Seligpreisungen die christliche Moralvorstellung über die Jahrhunderte hinweg so nachhaltig geprägt haben — zitiert bei Beerdigungen, angerufen von Reformern und Friedensstiftern, und beständig herangezogen in der katholischen Lehre über Armut, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Sie funktionieren weniger wie ein Regelwerk und mehr wie eine Linse: eine Art, das gewöhnliche Leben zu betrachten und zu fragen, wer in einem gegebenen Augenblick als unglücklich übersehen wird, tatsächlich aber Gott am nächsten steht. Leser, die sich dafür interessieren, wie sich diese Vision in konkretes Handeln übersetzt, finden mehr dazu in den Werken der Barmherzigkeit, den praktischen Taten der Nächstenliebe, die Jesus später im Matthäusevangelium als Maßstab beschreibt, nach dem er die Völker richten wird.

Trivia

Wie viele Seligpreisungen gibt es?
Im Matthäusevangelium gibt es acht Seligpreisungen (Matthäus 5,3-12), jede beginnt mit "Selig, die ...". Eine kürzere, parallele Fassung findet sich im Lukasevangelium (Lukas 6,20-23), dort stehen vier Seligpreisungen vier entsprechenden Weherufen gegenüber.
Was bedeutet 'selig' in den Seligpreisungen?
Das griechische Wort makarios wird häufig mit 'selig' oder 'glücklich' übersetzt, meint aber ein tiefes, von Gott geschenktes Gelingen und nicht oberflächliche Heiterkeit oder Glück im Sinne von Zufall. Es beschreibt einen Zustand des Rechtseins vor Gott, der auch inmitten wirklichen Leids bestehen kann — genau das ist das Paradox, das die Seligpreisungen aufwerfen.
Wo wurden die Seligpreisungen gesprochen?
Nach dem Matthäusevangelium hielt Jesus die Seligpreisungen zu Beginn der Bergpredigt, sitzend auf einem Hügel oberhalb des Sees Gennesaret, mit seinen Jüngern und der umstehenden Menge als Zuhörerschaft (Matthäus 5,1-2).
Worin unterscheiden sich die Seligpreisungen von den Zehn Geboten?
Die Zehn Gebote, am Sinai gegeben, sind vor allem Verbote — eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Die Seligpreisungen, von Jesus gegeben, beschreiben positive Herzenshaltungen und verheißen Segen, statt Sünde zu verbieten. Deshalb versteht der Katechismus sie als Erfüllung und Verinnerlichung der Gebote, nicht als deren Ersatz.
Sind die Seligpreisungen dasselbe wie die Werke der Barmherzigkeit?
Nein, es sind zwei verschiedene Listen. Die Seligpreisungen beschreiben Herzenshaltungen, die Jesus selig nennt, während die leiblichen Werke der Barmherzigkeit (Hungrige speisen, Nackte kleiden usw., aus Matthäus 25,31-46) konkrete Taten der Nächstenliebe beschreiben.
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