Hermann Joseph von Steinfeld, der Junge, der Maria einen Apfel schenkte
Ein armes Kind in einer reichen Stadt
Hermann wurde um 1150 in Köln geboren, einer der größten und reichsten Städte des Heiligen Römischen Reiches — doch seine Familie hatte an diesem Reichtum kaum Anteil. Der Überlieferung nach, die sich um ihn bildete, war er ein kränkliches, armes Kind, das seinen Trost nicht unter anderen Kindern fand, sondern in einer nahegelegenen Kirche, wo er eine Statue der Gottesmutter mit dem Jesuskind besuchte, als handle es sich um einen Familienbesuch. Die berühmteste Geschichte aus dieser Zeit — dass der junge Hermann der Statue einmal einen Apfel aus der eigenen Tasche reichte und ihre geschnitzte Hand sich streckte, um ihn anzunehmen — stammt aus der Andachtstradition, die spätere mittelalterliche Biografen aufzeichneten, nicht aus einem zeitgenössischen Augenzeugenbericht, und sollte als Legende gelesen werden, die die Frömmigkeit des Kindes veranschaulicht, nicht als dokumentierte Tatsache. Mit größerer Gewissheit lässt sich sagen, dass dieses Muster einer intensiven, persönlichen, geradezu gesprächigen Nähe zu Maria Hermanns geistliches Leben von Kindheit an prägte — und ihn nie wieder losließ.
Anthony van Dyck, Die Vision des seligen Hermann Joseph, um 1629–1630 — gemeinfrei.
Eintritt bei den Prämonstratensern in Steinfeld
Als junger Mann trat Hermann in die Abtei Steinfeld in der Eifel ein, ein Haus des Prämonstratenserordens — Chorherren, die nach der Regel des heiligen Augustinus lebten und die zu Beginn des 12. Jahrhunderts von Norbert von Xanten gegründet worden waren, der die Disziplin des klösterlichen Lebens mit aktiver Seelsorge und Predigttätigkeit verband. Hermann verbrachte den Rest seines Lebens in Steinfeld und den zugehörigen Häusern und führte das gewöhnliche Leben eines mittelalterlichen Chorherrn — Gebet, Studium, Handarbeit —, während er in seiner Gemeinschaft den Ruf eines ungewöhnlich tiefen Innenlebens erwarb. Zeitgenossen erinnern sich an ihn als sanftmütig, demütig und oft zurückhaltend gegenüber den Visionen und mystischen Erfahrungen, die man ihm später zuschrieb — eher geneigt, still zu dienen, als die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was er im Gebet erlebt haben will.
Eine Vision, die ihm einen zweiten Namen gab
Das Ereignis, das die spätere Erinnerung an Hermann am stärksten prägte, ist das, was die Tradition seine „mystische Vermählung" nennt — eine in späteren Berichten seiner Gemeinschaft überlieferte Erfahrung, in der er eine Vision erhielt, wie Maria ihm als Zeichen vollständiger geistlicher Vereinigung einen Ring an den Finger steckte und ihn anwies, den zusätzlichen Namen „Joseph" anzunehmen — womit er symbolisch mit der lebenslangen Nähe ihres eigenen Ehemannes zu ihr verbunden wurde. Deshalb ist er in der Tradition als Hermann Joseph und nicht bloß als Hermann bekannt — einer von wenigen Heiligen, die der Andachtstradition zufolge einen Namen tragen, der ihnen unmittelbar durch eine berichtete Vision gegeben wurde, nicht durch die Taufe. Die mystische Vermählung wurde in der späteren katholischen Kunst zu einem wiedererkennbaren Andachtsmotiv, am bekanntesten festgehalten in einem großen Ölgemälde des flämischen Meisters Anthony van Dyck um 1629–1630, das Hermann kniend vor der thronenden Maria mit dem Jesuskind zeigt, während sie ihm einen Ring entgegenstreckt — eine lebendige visuelle Zusammenfassung einer über Jahrhunderte gewachsenen geistlichen Tradition, nicht die dokumentarische Aufzeichnung eines einzelnen datierten Ereignisses.
Ein Leben, an das man sich wegen seiner Sanftmut erinnert, nicht wegen Aufsehen
Anders als manche mittelalterlichen Mystiker, deren berichtete Visionen dramatische öffentliche Folgen hatten — Prophetie, Konflikte mit kirchlichen Autoritäten, unmittelbare Verstrickung in politische Angelegenheiten —, beruhte Hermanns Ansehen fast ausschließlich auf der stillen, beständigen Art seiner inneren Frömmigkeit und auf einer persönlichen Demut, die seine eigene Gemeinschaft in späteren Berichten über sein Leben immer wieder hervorhob. Man erinnert sich an ihn auch als Verfasser von Hymnen und geistlichen Versen, die an Maria gerichtet sind — ein Werk, das heute zwar weniger erforscht wird als die Schriften bekannterer mittelalterlicher Mystiker, aber denselben beständigen, persönlichen Ton widerspiegelt, der sich durch die gesamte Überlieferung über sein Leben zieht. Er starb 1241 in Hoven bei Steinfeld und wurde in der Abtei beigesetzt, die für den größten Teil seines Erwachsenenlebens seine Heimat gewesen war.
Äquipollente Kanonisation, Jahrhunderte nach seinem Tod
Die Verehrung Hermann Josephs entwickelte sich, wie so viele mittelalterliche Ortskulte, durch beständige, gewachsene Frömmigkeit in Steinfeld und der umliegenden Region, lange bevor sich ein förmliches kirchliches Verfahren mit seinem Fall befasste. Er wurde nie im ordentlichen Verfahren mit Postulator, förmlicher Untersuchung und geforderten Wundern heiliggesprochen; stattdessen bestätigte Papst Pius XII. 1958 seinen jahrhundertealten Kult durch das, was die Kirche äquipollente Kanonisation nennt — eine Anerkennung, die Fällen vorbehalten ist, in denen — wie bei Bruno von Köln, dem Gründer der Kartäuser — bereits eine ununterbrochene, langjährige örtliche Verehrung besteht und ein vollständiges modernes Kanonisationsverfahren kaum mehr als eine förmliche Bestätigung hinzufügen würde. Sein Gedenktag wird am 7. April begangen, und die Abtei Steinfeld, die noch heute in der Eifel steht, bleibt mit seinem Andenken verbunden als der Ort, an dem die privaten Gespräche eines armen Jungen mit einer Statue über Jahrzehnte stillen Ordenslebens zu einer der beständigsten Marienfrömmigkeiten des mittelalterlichen Deutschlands wurden.






