Der Heilige Josef der Arbeiter

Ein Fest, geschaffen für einen bestimmten Moment
Um zu verstehen, warum die Kirche einen zweiten Gedenktag für den heiligen Josef schuf, hilft ein Blick auf den Kalender, dem sie damit antwortete. Der 1. Mai war seit 1889 als Internationaler Tag der Arbeit beansprucht worden, als die Zweite Internationale — ein Zusammenschluss sozialistischer und Arbeiterparteien — das Datum wählte, um an eine Arbeiterdemonstration in Chicago im Jahr 1886 zu erinnern. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Tag eng mit organisierten Arbeiterbewegungen weltweit verbunden, und in kommunistischen Staaten entwickelte er sich zu einem großen staatlichen Feiertag, der die Arbeiter in einem ausdrücklich atheistischen, materialistischen Rahmen feierte, der keinen Raum für eine religiöse Deutung des Wertes der Arbeit selbst ließ.
Virginie Demont-Breton, Le Divin Apprenti (Der göttliche Lehrling), um 1897 — gemeinfrei.
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, während kommunistische Regierungen in Osteuropa ihre Macht festigten und katholische Arbeiterbewegungen innerhalb dieses Wettstreits nach einer eigenen Stimme suchten, handelte Papst Pius XII. Am 1. Mai 1955 führte er förmlich das Fest des heiligen Josef des Arbeiters ein und sprach dabei direkt zu einer Versammlung katholischer Arbeiterverbände. Seine Entscheidung, das eigene Arbeiter-Gedenken der Kirche in genau dasselbe Datum einzufügen, statt es zu bekämpfen oder zu ignorieren, war selbst der eigentliche Punkt: Sie bot eine ausgesprochen christliche Sicht darauf, was Arbeit bedeutet — im Mittelpunkt nicht der Klassenkampf, sondern die Würde der menschlichen Person, auf demselben Kalenderfeld wie der weltliche Feiertag.
Josefs vollständige Lebensgeschichte — seine Verlobung mit Maria, die Botschaft des Engels in seinen Träumen, die Flucht nach Ägypten — findet sich in der ausführlicheren Darstellung seines Lebens. Dieses Fest stellt eine engere, gezieltere Frage: nicht, wer Josef als Vater war, sondern was es bedeutete, dass er zuallererst und schlicht ein arbeitender Mann war.
Die Würde gewöhnlicher Arbeit
Die Evangelien halten sich über Josefs Handwerk knapp und bezeichnen ihn nur mit dem griechischen Wort tekton, gewöhnlich mit „Zimmermann" ins Deutsche übertragen, wobei der Begriff ein breiteres Spektrum handwerklicher Arbeit umfasst, möglicherweise einschließlich Steinarbeit und allgemeinem Bauwesen. Theologisch wichtig ist dabei nicht die genaue Art der Arbeit, sondern ihre Gewöhnlichkeit. Jesus selbst wuchs in Nazaret als „der Sohn des Zimmermanns" auf, groß geworden in einem Haushalt, der sein Brot durch tägliche körperliche Arbeit verdiente, nicht durch ererbten Reichtum oder religiöses Vorrecht.
Dieses Detail trägt weit über die reine Biografie hinaus Gewicht. Wenn der Sohn Gottes rund drei Jahrzehnte seines irdischen Lebens in einem unauffälligen Handwerk verbrachte, bevor er je öffentlich predigte, dann ist körperliche Arbeit selbst nicht etwas, das man auf dem Weg zu etwas Bedeutsamerem nur erträgt — sie ist an sich schon ein Ort, an dem Heiligkeit ganz zu Hause ist. Das Fest des heiligen Josef des Arbeiters macht diese in der Schrift angelegte Theologie ausdrücklich und stellt die Werkbank eines Handwerkers als gleichrangigen, nicht geringeren Ort der Heiligkeit neben Kloster und Kanzel.
Die tieferen Wurzeln der katholischen Soziallehre
Das Fest von 1955 entstand theologisch nicht aus dem Nichts; es stand auf Jahrzehnten angesammelter katholischer Soziallehre, die sich schon lange mit den Rechten und der Würde der Arbeiter im industriellen Zeitalter befasst hatte. Papst Leos XIII. Enzyklika Rerum Novarum von 1891 — lateinisch für „von den neuen Dingen" — gilt gewöhnlich als Gründungsdokument der modernen katholischen Soziallehre. Sie wandte sich den harten Bedingungen industrieller Arbeit zu und bestand darauf, dass Arbeitern Rechte auf gerechten Lohn, angemessene Arbeitszeiten und sichere Arbeitsbedingungen zustehen — gegen einen ungezügelten Kapitalismus ebenso wie gegen die aufkommende sozialistische Alternative, die die Enzyklika auch dafür kritisierte, dass sie das Privateigentum verneine.
Dieser Gedankenstrang wirkte weit über Pius XII. hinaus. 1981 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. die Enzyklika Laborem Exercens — „über die menschliche Arbeit" —, zeitlich auf den neunzigsten Jahrestag von Rerum Novarum gelegt, und beschrieb darin die Arbeit als Ausdruck der Teilhabe des Menschen an Gottes eigenem schöpferischem Wirken. Er bestand auf dem, was er den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital nannte: Menschen sind niemals bloße Werkzeuge der Produktion, sondern der eigentliche Zweck, dem die Wirtschaft dienen soll. Der Katechismus der Katholischen Kirche fügte diese Fäden später zusammen und lehrt in Nr. 2427, dass die menschliche Arbeit unmittelbar daraus hervorgeht, nach dem Bild des Schöpfers geschaffen zu sein, und, mit der Arbeit Christi vereint, sogar zu einem Mittel der Heiligung werden kann. Josef ist in diesem Licht nicht einfach ein Vorbild, das Arbeiter aus der Ferne bewundern — er wird als das Muster vorgestellt, das die ganze Überlieferung zu beschreiben versucht.
Ein bewusst gewählter Patron, kein Zufall
Es lohnt sich, klar zu unterscheiden, was hier zur verbindlichen Kirchenlehre gehört und was zur frommen Überlieferung. Die Würde der Arbeit und die Rechte der Arbeiter sind gefestigte Bestandteile der katholischen Soziallehre, aus der Schrift geschöpft und über mehr als ein Jahrhundert päpstlicher Lehre entwickelt. Die konkrete Wahl des 1. Mai und Josefs als Bezugsgestalt dafür war eine pastorale, historisch bedingte Entscheidung von Pius XII. — eine kluge und bewusste, aber eine Frage kirchlicher Ordnung und Frömmigkeit, nicht des Dogmas.
Seit 1955 ist das Fest besonders unter katholischen Berufsverbänden, Zünften und Arbeiterorganisationen fest verankert, von denen viele an diesem Tag Messen feiern oder Werkzeuge und Arbeitsstätten segnen lassen. Es tritt neben Josefs Hauptfest am 19. März, nicht an dessen Stelle — jenes ehrt ihn umfassender als Gemahl Marias und Nährvater Jesu. Die beiden Feste zusammen geben der Kirche zwei Blickwinkel auf denselben Mann: den einen auf seine Rolle im Haushalt der Heiligen Familie, den anderen auf die Werkbank, an der über die meiste Zeit seines Lebens scheinbar nichts Wunderbares geschah — nur ein Handwerker, der Tag für Tag, ganz gewöhnlich, ehrliche Arbeit verrichtete.
Trivia
Warum schuf Papst Pius XII. das Fest des heiligen Josef des Arbeiters?
Was lehrt die katholische Kirche über die Würde der Arbeit?
Ist der heilige Josef der Arbeiter ein eigenes Fest, verschieden vom Hauptgedenktag Josefs?
Welche Arbeit übte der heilige Josef tatsächlich aus?







