Der Heiligste Name Jesu
Ein Name, gegeben von einem Engel, nicht von einer Familie
In den meisten Kulturen wählen die Eltern den Namen eines Kindes — manchmal nach einem Großelternteil, manchmal wegen seines Klangs, manchmal aus Tradition. Bei Jesus verlief es anders. Das Matthäusevangelium berichtet, dass Josef im Traum ein Engel erschien und ihm unmittelbar auftrug: «Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen» (Matthäus 1,21, Einheitsübersetzung). Das Lukasevangelium berichtet eine parallele Szene bei der Verkündigung, in der der Engel Gabriel Maria dieselbe Anweisung gibt, noch bevor das Kind überhaupt empfangen ist. In beiden Evangelienberichten erhalten beide Elternteile den Namen von einem göttlichen Boten, nicht aus persönlicher Vorliebe — ein Detail, das die Kirche nie als nebensächlich behandelt hat.
IHS-Monogramm, Hochaltar, Kirche Il Gesù, Rom. Foto von Jastrow, Wikimedia Commons — gemeinfrei.
Der Name selbst trägt die Weisung bereits in sich. «Jesus» ist die griechische und lateinische Form des hebräischen Jeschua, einer Kurzform von Jehoschua — desselben Namens, der im Alten Testament an anderer Stelle als Josua wiedergegeben wird. Seine Grundbedeutung lautet «der Herr rettet» oder «Jahwe ist Rettung», und genau deshalb liest sich die Erklärung des Engels an Josef fast wie eine Definition und nicht wie eine Prophezeiung: Das Kind solle Jesus heißen, weil es sein Volk von seinen Sünden erlösen werde. Name und Sendung sind im Hebräischen im Grunde ein und dieselbe Aussage, nur zweimal anders ausgedrückt.
Acht Tage nach Betlehem
Der jüdische Brauch verlangte, einen männlichen Säugling am achten Tag nach der Geburt zu beschneiden und ihm formell einen Namen zu geben — nach dem Muster, das schon im Buch Genesis mit der Linie Abrahams begründet wurde. Das Lukasevangelium berichtet, dass genau dies bei Jesus geschah: «Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde» (Lukas 2,21, Einheitsübersetzung). Diese zeitliche Nähe ist der Grund, warum die Kirche die Namensgebung Jesu traditionell nahe an der Weihnachtszeit hält — das Fest fällt heute auf den 3. Januar, in denselben liturgischen Abschnitt, der sowohl die Geburt des Herrn als auch das Hochfest Maria, Mutter Gottes am Oktavtag von Weihnachten, dem 1. Januar, umfasst.
Es lohnt sich, kurz innezuhalten bei der bewussten Schlichtheit, die diese erste Namensgebung für jeden Zuschauer damals gehabt haben muss. Es gab keine große öffentliche Ankündigung, keine Versammlung von Würdenträgern — nur eine Familie, die demselben jüdischen Ritus folgte, den jeder andere männliche Säugling in jener Zeit und Gegend durchlief. Der außergewöhnliche Anspruch, der mit diesem Namen verbunden ist, wird erst im Rückblick sichtbar, durch das, was der weitere Verlauf des Evangeliums über diesen einen Menschen offenbart.
«Der Name über allen Namen»
Das Neue Testament begnügt sich nicht damit, festzuhalten, wie Jesus seinen Namen erhielt — es stellt eine bemerkenswerte theologische Aussage über den Namen selbst auf. In seinem Brief an die Gemeinde von Philippi beschreibt Paulus den Gehorsam Christi, der sich bis zum Tod erniedrigte, und fährt fort: «Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ‹Jesus Christus ist der Herr› — zur Ehre Gottes, des Vaters» (Philipper 2,9-11, Einheitsübersetzung). Dieser Abschnitt, den Paulus vermutlich aus einem noch älteren christlichen Hymnus übernommen und angepasst hat, behandelt den Namen Jesu als untrennbar von seiner Identität und Vollmacht — den Namen anzurufen gilt als Begegnung mit der Person selbst, nicht als bloße Verwendung einer praktischen Bezeichnung.
Die Apostelgeschichte macht in erzählerischer Form eine ähnlich kühne Aussage. Nachdem Petrus einen Gelähmten «im Namen Jesu Christi, des Nazoräers» geheilt hat (Apostelgeschichte 3,6), wird er vor den jüdischen Hohen Rat gebracht und zur Rechenschaft über die Quelle seiner Vollmacht gezogen. Seine Antwort ist unmissverständlich: «Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen» (Apostelgeschichte 4,12, Einheitsübersetzung). Für die ersten Christen war der Name Jesu keine höfliche Floskel im Gebet — er trug reales, wirksames Gewicht, angerufen bei Heilungen, bei Exorzismen und im gesamten Rahmen des Heils, das die Apostel verkündeten.
Wie die Verehrung des Namens wuchs und sichtbare Gestalt annahm
Die Verehrung des Heiligen Namens entwickelte im Lauf der Jahrhunderte ein eigenes bildliches Kürzel: das Monogramm IHS, gebildet aus den ersten drei Buchstaben des Namens Jesu in griechischen Großbuchstaben, ΙΗΣΟΥΣ (Iota, Eta, Sigma). Im lateinischen Westen wurden diesen drei Buchstaben später andächtige lateinische Deutungen wie «Iesus Hominum Salvator» — Jesus, Retter der Menschen — zugeordnet, obwohl der Ursprung des Monogramms griechisch und keine ursprünglich lateinische Abkürzung ist. Der franziskanische Prediger des 15. Jahrhunderts, der heilige Bernhardin von Siena, trug wie kaum ein anderer zur Verbreitung dieses Symbols bei: Er zeigte es demonstrativ während seiner Predigten und förderte seine Verwendung an Kirchenfassaden, Bannern und öffentlichen Gebäuden in ganz Italien — als sichtbares Zeichen christlicher Frömmigkeit, das sich von den Parteisymbolen abhob, die die italienischen Städte seiner Zeit spalteten.
Dasselbe Monogramm wurde später eng mit der Gesellschaft Jesu verbunden, dem im 16. Jahrhundert vom heiligen Ignatius von Loyola gegründeten Jesuitenorden, dessen Wappen bis heute das IHS-Symbol in der Mitte trägt — eine Fortsetzung jener Verehrung, die Bernhardin ein Jahrhundert zuvor verbreitet hatte, nun von Missionaren rund um den Erdball weitergetragen. Aus dieser Verehrung gingen auch eigene liturgische Gebete und Litaneien zum Heiligen Namen hervor, die sowohl im öffentlichen Gottesdienst als auch in der privaten Frömmigkeit verwendet werden — die wiederholte, ehrfürchtige Anrufung des Namens selbst gilt dabei als eigenständige Form des Gebets, nicht nur als dessen Vorspiel.
Ein Fest, das einen Namen nahe bei Weihnachten hält
Das Fest des Heiligsten Namens Jesu hat im Lauf der Kirchengeschichte mehrfach seinen Platz im Kalender gewechselt — mal eigenständig gefeiert, mal in andere weihnachtliche Feiern eingebettet. Im gegenwärtigen römischen Kalender hat es ein festes Datum, den 3. Januar, zwischen der Weihnachtsoktav und dem nahenden Fest Erscheinung des Herrn. Diese Platzierung hält das Fest eng an die Geburtserzählung gebunden, aus der es stammt — eine Erinnerung, kurz nach Beginn jedes neuen Jahres, dass das Kind, dessen Geburt die Kirche gerade gefeiert hat, einen Namen erhielt, der nie gewöhnlich sein sollte: gewählt, um schon zu verkünden, bevor es überhaupt etwas getan hatte, genau das, wozu es gekommen war.





