Der Turmbau zu Babel

Eine Stadt, erbaut ebenso aus Angst wie aus Stolz
Die Erbauer von Babel nennen ihr eigenes Motiv unumwunden: "Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen, damit wir ja nicht über die ganze Erde zerstreut werden!" (Genesis 11,4, Schlachter 2000). Es ist leicht, dies als schlichte Geschichte über Hochmut zu lesen, doch die eigenen Worte der Erbauer offenbaren etwas, das der Angst näherkommt — eine Furcht vor Zerstreuung, vor dem Verlust der Einheit, vor dem Vergessenwerden. Der Turm sollte eine Versicherung gegen genau das Ergebnis sein, mit dem die Geschichte endet.
Pieter Bruegel der Ältere, "Der Turmbau zu Babel," 1563, Kunsthistorisches Museum, Wien — gemeinfrei.
Warum Gott ihre Sprache ins Visier nahm, nicht nur den Turm
Was Gott an dem Projekt beunruhigt, ist nicht seine Höhe. Es ist die Dynamik, die aus vollständiger Einheit entsteht: "Siehe, sie sind ein Volk, und sie sprechen alle eine Sprache, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns! Und jetzt wird sie nichts davor zurückhalten, das zu tun, was sie sich vorgenommen haben" (Genesis 11,6, Schlachter 2000). Die Antwort ist präzise statt zerstörerisch — kein Feuer, kein Einsturz, sondern Verwirrung: "Wohlan, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr die Sprache des anderen versteht!" (Genesis 11,7, Schlachter 2000). Unfähig, sich abzustimmen, hören die Erbauer einfach auf: "So zerstreute der Herr sie von dort über die ganze Erde, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen" (Genesis 11,8, Schlachter 2000).
Woher der Name kommt
Genesis schließt die Geschichte mit einer eingebauten Erklärung: "Daher gab man ihr den Namen Babel, weil der Herr dort die Sprache der ganzen Erde verwirrte und sie von dort über die ganze Erde zerstreute" (Genesis 11,9, Schlachter 2000) — ein direktes Wortspiel im Hebräischen zwischen dem Namen Babel und dem Verb für "verwirren". Die Zerstreuung, die die Erbauer am meisten fürchteten, wird am Ende genau zu dem, was ihr eigener Ehrgeiz herbeiführt.
Ein Turm mit Wurzeln in echter Architektur
Viele Gelehrte verbinden die Geschichte mit den gewaltigen stufenförmigen Tempeltürmen, den Zikkuraten, die im alten Mesopotamien errichtet wurden — Bauwerke, deren Ruinen dem frühesten Publikum der Geschichte vertraut gewesen wären. Pieter Bruegels des Älteren berühmtes Gemälde von 1563, oben gezeigt, stellt sich den Turm genau in diesem Maßstab vor: eine halbfertige Struktur, so gewaltig, dass sie die um ihren Fuß herum errichtete Stadt und den Hafen in den Schatten stellt, während der Bau Ebene für Ebene weiter emporkriecht, ohne Ende in Sicht — ein passendes Bild für ein Projekt, dessen wahrer Fehler nie seine Architektur war, sondern seine Weigerung, sich überhaupt eine Grenze vorzustellen.


