Der heilige Joachim, der Vater der Jungfrau Maria der Überlieferung nach
Ein Vater, den die Evangelien nie beim Namen nennen
Genau wie bei Anna, der als Marias Mutter verehrten Frau, schweigt das Neue Testament vollständig über Marias Vater. Kein Evangelium nennt ihn, beschreibt ihn oder deutet auch nur an, wie der Haushalt aussah, in dem Maria aufwuchs, bevor der Engel Gabriel sie besuchte. Genau diese Lücke füllt das Protoevangelium des Jakobus. Der Text entstand in der Mitte bis gegen Ende des 2. Jahrhunderts — gut hundert Jahre nach den Ereignissen, die er zu schildern vorgibt — und ist damit ein apokryphes Werk (eine Schrift außerhalb des von der Kirche als inspiriert anerkannten neutestamentlichen Kanons). Er nennt Marias Vater Joachim: einen wohlhabenden, frommen Mann, den vor allem eines quälte — er und seine Frau Anna hatten keine Kinder.
Giotto di Bondone, "Die Begegnung am Goldenen Tor," 1304-1306, Scrovegni-Kapelle, Padua — gemeinfrei.
Die Geschichte, die die Überlieferung erzählt
Nach dem Protoevangelium wird Joachims Kinderlosigkeit zu einer öffentlichen Demütigung. Der Text schildert, wie ihm bei dem Versuch, im Tempel ein Opfer darzubringen, abgewiesen wird — mit der Begründung, ein Mann ohne Kinder habe kein Recht, unter den Ersten Israels zu stehen. Beschämt zieht sich Joachim in die Wüste zurück, wo er vierzig Tage fastet und betet, statt heimzukehren. Auch Anna, die zurückbleibt und in ihrem eigenen Kummer betet, erhält der Überlieferung nach Antwort: Ein Engel erscheint beiden getrennt mit derselben Botschaft — sie werden ein Kind empfangen, eine Tochter, von der in aller Welt die Rede sein wird. Joachim und Anna, so die Überlieferung, treffen sich am Goldenen Tor Jerusalems wieder — eine Begegnung, zu der die christliche Kunst immer wieder zurückkehrte, am bekanntesten in Giottos Fresken aus dem frühen 14. Jahrhundert in der Arenakapelle von Padua.
Was Überlieferung ist — und was die Kirche tatsächlich lehrt
Bei Joachim gilt dieselbe Klarheit wie bei Anna: Keines dieser erzählerischen Details — sein Name, sein Reichtum, die vierzig Tage in der Wüste, die Engelserscheinung — stammt aus der Heiligen Schrift. Es handelt sich um fromme Überlieferung, die ein Text bewahrt und über Jahrhunderte ausgeschmückt hat, den die Kirche nie zu den inspirierten Büchern der Bibel gezählt hat. Mit doktrinellem Gewicht bekräftigt die katholische Kirche Marias eigene Identität und Rolle als Mutter Gottes; die genaue Identität und Biografie ihrer Eltern bleibt dagegen eine Angelegenheit lange überlieferter Tradition, nicht definierter Dogmatik. Dennoch hat die Kirche diese Tradition beständig und über eine sehr lange Zeit geehrt — die Verehrung Joachims lässt sich in der Ostkirche bereits um das 6. Jahrhundert nachweisen, und sein Fest wurde zusammen mit dem Annas vor Jahrhunderten auf den universalen lateinischen Kalender ausgeweitet, heute gemeinsam am 26. Juli begangen.
Ein altes Muster, das die Geschichte bewusst aufgreift
Leser, die mit dem Alten Testament vertraut sind, werden vermutlich bemerken, wie eng die Geschichte von Joachim und Anna einem Muster folgt, das sich durch die ganze Schrift zieht: ein älteres, kinderloses, frommes Paar, gedemütigt durch seine Unfähigkeit, Kinder zu bekommen, schließlich durch unmittelbares göttliches Eingreifen mit einem Kind beschenkt. Abraham und Sara, denen im hohen Alter Isaak verheißen wird (Genesis 18), und Zacharias und Elisabet, denen der Engel Gabriel ankündigt, sie würden trotz Elisabets fortgeschrittenen Alters einen Sohn namens Johannes bekommen (Lukas 1,5-25), folgen demselben Grundmuster. Der Verfasser des Protoevangeliums des Jakobus schrieb fast sicher mit diesen biblischen Vorbildern bewusst vor Augen und ordnete Marias Geburt derselben Kategorie lang ersehnter, göttlich geschenkter Kinder zu, die die Heilsgeschichte seit Genesis bevölkern. Das macht die konkreten Einzelheiten über Joachim nicht historisch belegt, erklärt aber, warum die Geschichte den frühen christlichen Gemeinden, die sie zuerst empfingen, sofort vertraut und glaubwürdig erschien.
Es lohnt sich zudem, diese Geschichte klar von einer Lehre zu unterscheiden, mit der sie manchmal verwechselt wird. Die Ankündigung des Engels an Joachim und Anna betrifft ihre Fähigkeit, nach Jahren der Kinderlosigkeit überhaupt ein Kind zu empfangen — sie hat nichts mit der Unbefleckten Empfängnis zu tun, jenem definierten katholischen Dogma, dass Maria selbst ohne Erbsünde empfangen wurde. Die beiden Vorstellungen werden im beiläufigen Gespräch oft vermengt, weil beide Marias Empfängnis betreffen, doch das eine ist ein Stück frommer Erzähltradition über das erhörte Gebet eines betagten Paares, während das andere ein formell definierter Glaubenssatz über Marias einzigartige Bewahrung vor der Sünde vom ersten Augenblick ihrer Existenz an ist.
Der Platz eines Großvaters in einer größeren Familiengeschichte
Joachims Geschichte trägt auch über die reine Rührung hinaus theologisches Gewicht. In der späteren katholischen Frömmigkeit wurden er und Anna zum Ankerpunkt einer umfassenderen Betrachtung der Heiligen Familie über drei Generationen: Joachim und Anna ziehen Maria groß, Maria zieht Jesus groß — eine Kette ganz gewöhnlicher Haushalte, durch die außergewöhnliche Gnade hindurchwirkte. Bruderschaften, die Joachim und Anna geweiht waren, verbreiteten sich im mittelalterlichen Europa, und spätestens im Spätmittelalter war ihr gemeinsames Fest zu einer wirklich beliebten Feier geworden, besonders bei Handwerkszünften, die das Paar als Patrone des Familienlebens und der ehrlichen Arbeit annahmen. Diese Beliebtheit hing nie von historischer Dokumentation ab, wie man sie von einer modernen Biografie erwarten würde — sie hing an einer Geschichte, die einfach genug war, um tausend Jahre lang von Gemeinde zu Gemeinde weitererzählt zu werden, ohne ihre Form zu verlieren.
Warum die Überlieferung fortbesteht
So nicht-biblisch ihr Ursprung auch sein mag — die Geschichte Joachims beantwortet ein sehr menschliches Bedürfnis: Sie gibt Maria eine Familie, ein Zuhause, Eltern, die sich nach ihr gesehnt haben, bevor sie geboren wurde. Dieses Bedürfnis zeigt sich immer wieder in christlicher Kunst und Frömmigkeit — Joachim erscheint, wie er die junge Maria unterrichtet, wie er Anna am Goldenen Tor umarmt, oder wie er still an ihrer Seite in Familienszenen steht, die der Heiligen Familie eine vollere, dreigenerationenübergreifende Gestalt geben. Als Patron der Väter und Großväter in der heutigen katholischen Frömmigkeit hat Joachims Anziehungskraft nie wirklich an der historischen Genauigkeit seiner Geschichte gehangen. Sie hängt an dem einfachsten aller Bilder: einem Mann, der sich ein Kind so sehr wünschte, dass er dafür in der Wüste fastete, und der zusammen mit seiner Frau für die Tochter in Erinnerung bleibt, die diese Hoffnung hervorbrachte.






