Der heilige Matthäus, Apostel und Evangelist
Ein Mann, den jeder gerne verachtete
Der Steuereinzug im römisch besetzten Judäa lief nach einem System ab, das den mit seiner Ausführung betrauten Männern den öffentlichen Hass fast garantierte. Rom vergab die Steuereinnahme typischerweise an örtliche Pächter, die dem Reich im Voraus eine feste Summe zahlten und dann ihre Investition samt Gewinn beim Einzug von der örtlichen Bevölkerung wieder hereinholten — eine Regelung, die einen starken finanziellen Anreiz schuf, mehr einzutreiben, als streng genommen geschuldet war. Über die durchaus reale Gefahr der Erpressung hinaus, die dieses System begünstigte, betrachteten die Landsleute die Zöllner als Kollaborateure einer fremden Besatzungsmacht, die zum eigenen Vorteil unmittelbar gegen die Interessen des eigenen Volkes arbeiteten — eine Kombination moralischer und religiöser Anstößigkeit, die sie in den Augen vieler Zeitgenossen etwa in dieselbe gesellschaftliche Kategorie wie Prostituierte und andere als ritual und moralisch kompromittiert geltende Gruppen rückte.
Caravaggio, Die Inspiration des heiligen Matthäus, 1602 — gemeinfrei.
Vor diesem Hintergrund berichtet das Matthäusevangelium von der Berufung des Apostels durch Jesus: Er ging an einem Zollstand in Kafarnaum vorbei, einer Stadt am See Gennesaret, die einen Ausgangspunkt für einen Großteil seines galiläischen Wirkens bildete, und sah dort einen Mann namens Matthäus, in den Parallelberichten des Markus und Lukas als Levi bezeichnet, an seinem Posten sitzen. Jesu Ruf an ihn ist mit auffallender Kürze überliefert: „Folge mir nach!", und Matthäus, so der Text, stand sofort auf und folgte ihm, wobei er nicht bloß einen Stuhl, sondern eine ganze etablierte Existenz und gesellschaftliche Stellung zurückließ, so verachtet diese Stellung auch gewesen sein mag.
Ein Festmahl, das die Gerechten empörte
Was auf die Berufung selbst folgt, ist beinahe ebenso bedeutsam wie die Berufung. Das Matthäusevangelium berichtet, dass Matthäus in seinem eigenen Haus ein großes Festmahl gab, an dem zahlreiche weitere Zöllner und allgemein als Sünder bezeichnete Menschen teilnahmen, Personen also, die außerhalb der Grenzen achtbarer religiöser Praxis lebten, gemeinsam mit Jesus und seinen anderen Jüngern. Die Versammlung rief sofort den Widerspruch der Pharisäer hervor, die fragten, warum Jesus überhaupt mit solcher Gesellschaft speise — eine Frage, die in ernsthaften Bedenken um rituelle Reinheit und angemessene religiöse Umgangsformen wurzelte, wie sie der jüdischen religiösen Praxis jener Zeit üblich waren.
Jesu Antwort, in ähnlicher Form in allen drei synoptischen Evangelien überliefert, stellte den ganzen Vorfall in ein neues Licht: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken, und er sei gekommen, um nicht die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder. Diese Episode, unmittelbar nach Matthäus' eigener Berufung in der Erzählung des Evangeliums platziert, wirkt beinahe wie eine Demonstration im Kleinen dessen, worauf Jesu Wirken abzielte: eine Einladung an genau die Menschen, die die herkömmliche religiöse Achtbarkeit als unerreichbar abgeschrieben hatte — wobei der neu berufene Zöllner selbst als lebender Beweis dieses Grundsatzes diente.
Die Frage der Verfasserschaft
Die kirchliche Überlieferung, die das erste Evangelium dem Apostel Matthäus zuschreibt, reicht mindestens bis ins frühe zweite Jahrhundert zurück, bewahrt in einer Aussage des Bischofs Papias von Hierapolis, überliefert vom späteren Historiker Eusebius, wonach Matthäus eine Sammlung von Aussprüchen Jesu in hebräischer, möglicherweise auch aramäischer Sprache zusammengestellt habe. Diese frühe Überlieferung wurde über den größten Teil der christlichen Geschichte hinweg zur Standarderklärung für die Verfasserschaft des Evangeliums und bleibt bis heute die traditionelle, in der Kirche liturgisch und fromm geehrte Zuschreibung.
Die moderne Bibelwissenschaft, die mit den besonders seit dem neunzehnten Jahrhundert entwickelten Werkzeugen der literarischen und historischen Kritik arbeitet, ist im Allgemeinen zu einem komplizierteren Bild gelangt: Sie nimmt an, das Evangelium in seiner heutigen Form habe wahrscheinlich auf früheren schriftlichen und mündlichen Quellen aufgebaut, darunter erheblichem, mit dem Markusevangelium geteiltem Material, und seine endgültige griechische Gestalt sei durch einen Prozess entstanden, an dem möglicherweise mehr als ein einzelner, isoliert arbeitender Verfasser beteiligt war. Diese wissenschaftliche Komplexität stürzt die traditionelle Zuschreibung nicht einfach um, sondern verkompliziert eher die Frage, wie unmittelbar oder ausschließlich Matthäus' persönliche Verfasserschaft tatsächlich war — eine Frage, zu der die Kirche keine einzelne, verbindlich festgelegte Antwort als Glaubensartikel fordert, sondern die traditionelle Zuschreibung als Teil der überlieferten Kirchentradition behandelt, nicht als streng definierten Glaubenssatz.
Ein Evangelium für ein jüdisches Publikum geschrieben
Wie auch immer die genauen Umstände seiner Entstehung waren, das Matthäusevangelium zeigt ein durchgängiges, ausgeprägtes Anliegen, stärker als in den anderen Evangelien: zu zeigen, dass Jesus die Verheißungen und Prophezeiungen der hebräischen Heiligen Schrift erfüllt, wobei es wiederholt Ereignisse im Leben Jesu mit der Formel einleitet, sie seien geschehen, „damit sich erfülle, was der Herr durch den Propheten gesagt hat". Dieses Anliegen legt stark nahe, dass das Evangelium eigens für ein jüdisches oder judenchristliches Publikum verfasst wurde, das bereits mit der hebräischen Heiligen Schrift vertraut war und mit deren eigenen Mitteln davon überzeugt werden musste, dass Jesus tatsächlich der verheißene Messias war.
Das Matthäusevangelium bewahrt zudem umfangreiches Material, das sich nirgendwo sonst im Neuen Testament findet, vor allem die ausgedehnte Lehrrede, die als Bergpredigt bekannt ist und die Seligpreisungen sowie das Vaterunser in ihrer vertrautesten Form enthält — Material, das das christliche ethische und fromme Leben über die Jahrhunderte hinweg so gründlich geprägt hat wie kaum eine andere Schriftstelle.
Ein Leben nach den Evangelien, kaum überliefert
Verlässliche historische Informationen über Matthäus' Wirken nach den in den Evangelien berichteten Ereignissen sind wirklich rar, und spätere Überlieferungen über seine Missionsreisen und sein endgültiges Martyrium weichen von Quelle zu Quelle erheblich voneinander ab; unterschiedliche Berichte verorten sein späteres Wirken und seinen Tod in so weit voneinander entfernten Regionen wie Äthiopien und Persien, keiner davon gestützt auf die Art solider, früher Dokumentation, wie sie für manche anderen Apostel vorliegt. Was sich über die Jahrhunderte hinweg mit weit größerer Beständigkeit erhalten hat, ist die auffallende, bewusst bewahrte Einzelheit seiner Berufung selbst: ein ehemaliger Zöllner, einer der gesellschaftlich verachtetsten Berufe seiner Welt, wurde Apostel und, nach langer Überlieferung, ein Evangelist, dessen Bericht über Jesu Leben und Lehre das gesamte Neue Testament eröffnet. Sein Gedenktag ist der 21. September.






