Heiliger Pankratius, Märtyrer
Ein Name, älter als das, was man über ihn weiß
Über Pankratius selbst ist aus Quellen, die seiner Lebenszeit nahestehen, sehr wenig erhalten — diese Lücke sollte man offen benennen, bevor man irgendetwas anderes über ihn sagt. Was die spätere Überlieferung berichtet — Jahrhunderte nach seinem Tod zusammengetragen aus mündlicher Erinnerung, lokaler Verehrung und den literarischen Gepflogenheiten frühchristlicher Hagiografie — ist, dass er in der römischen Provinz Phrygien geboren wurde, im heutigen Zentralanatolien, und früh zur Waise wurde. Ein Onkel namens Dionysius, selbst bereits Christ, brachte ihn nach Rom, und dort geriet der Jugendliche in eine der immer wiederkehrenden Verfolgungswellen, die die römische Kirche trafen, bevor sich der Rechtsstatus des Christentums im frühen vierten Jahrhundert änderte.
Mosaik der Heiligen Vinzenz, Pankratius und Chrysogonus, Basilika Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert — gemeinfrei
Am häufigsten wird sein Tod mit der 303 unter Kaiser Diokletian einsetzenden Verfolgung in Verbindung gebracht, einer der härtesten und systematischsten Kampagnen gegen Christen in der Geschichte des Reiches: Kirchen wurden zerstört, Schriften beschlagnahmt, und Christen mussten den römischen Göttern opfern — bei Todesstrafe. Pankratius, so die Überlieferung, wurde festgenommen, vor den Kaiser oder dessen Vertreter gebracht und vor die übliche Wahl gestellt: opfern und leben. Er weigerte sich und wurde entlang der Via Aurelia außerhalb Roms enthauptet, vermutlich um das Jahr 304.
Was sich mit Zuversicht sagen lässt — und was nicht
Es lohnt sich, die Grenzen dieser Geschichte offen anzusprechen, ganz im Sinne dessen, wie die Kirche selbst mit frühen Märtyrerberichten umgeht. Der Kern der Erzählung — dass ein Christ namens Pankratius während der Verfolgungen des frühen vierten Jahrhunderts jung in Rom hingerichtet wurde und sein Tod als standhaftes Glaubenszeugnis in Erinnerung blieb — stützt sich auf eine starke, alte Verehrungstradition, die sich in frühen liturgischen Kalendern und im Fortbestand einer großen römischen Basilika mit seinem Namen seit mindestens dem sechsten Jahrhundert widerspiegelt. Die konkreten biografischen Details — sein genaues Alter, der Name seines Onkels, die genauen Umstände seiner Verhaftung — stammen aus späteren hagiografischen Texten, jener literarischen Gattung, die Heiligenleben nacherzählt und dabei Lücken in dürftigen historischen Quellen häufig mit erbaulichen erzählerischen Details füllte. Die offiziellen liturgischen Texte der Kirche halten sich heute bewusst zurück, was die Einzelheiten seines Lebens betrifft, und ehren ihn als echten Märtyrer, ohne dabei mehr historische Genauigkeit zu behaupten, als die Quellen tatsächlich hergeben.
Fest steht dagegen das hohe Alter und die Beständigkeit seiner Verehrung. Papst Symmachus errichtete Anfang des sechsten Jahrhunderts eine Basilika über seinem Grab auf dem römischen Hügel Gianicolo, und Papst Gregor der Große — der später Missionare nach England entsandte, darunter Augustinus von Canterbury — schätzte Pankratius besonders: Der Überlieferung nach ließ er Konvertiten und Amtsträger, die in Rom einen Eid ablegten, diesen an seinem Grab schwören — eine Praxis, die dem jungen Märtyrer im mittelalterlichen Europa den ungewöhnlichen Ruf eines raschen Rächers von Meineid und Wortbruch einbrachte.
Ein Märtyrer, der den Ärmelkanal überquerte
Die Verehrung des Pankratius erreichte England bemerkenswert früh, wahrscheinlich getragen von eben jenen Missionaren, die Gregor der Große am Ende des sechsten Jahrhunderts entsandte. Zu den mit dieser Mission verbundenen Kirchen zählt eine in Canterbury, die Pankratius geweiht ist und als eine der frühesten christlichen Kirchenstätten im angelsächsischen England gilt, errichtet nahe oder auf dem Gelände eines Bauwerks aus römischer Zeit. Von Canterbury aus verbreitete sich die Verehrung des Pankratius im Mittelalter weiter über England, und daher rührt auch der Name des Londoner Stadtteils: Eine alte Pfarrkirche, dem heiligen Pankratius geweiht, stand auf einem Gelände, das heute von einem der großen Londoner Bahnhöfe umgeben ist — dieser übernahm bei seinem Bau im neunzehnten Jahrhundert den Namen des Heiligen. Ein eigentümliches Fortleben: ein jugendlicher Märtyrer aus dem römerzeitlichen Phrygien, täglich von Millionen Pendlern beim Namen genannt, die wahrscheinlich nichts weiter über ihn wissen.
Ikonografie und der „Märtyrer der Kinder"
Weil die Überlieferung ihn als kaum mehr denn einen Jungen bei seinem Tod in Erinnerung behält, wird Pankratius in der Kunst häufig mit einem Palmzweig dargestellt, dem üblichen Symbol des Martyriums in der frühchristlichen Ikonografie, mitunter zusätzlich mit einem Schwert, das die Art seines Todes andeutet. Manche Darstellungen zeigen ihn in der Kleidung eines römischen Jünglings statt als erwachsenen Märtyrer und unterstreichen damit die besondere Tragik seines jugendlichen Alters. Diese Verbindung zur Jugend ist auch die Grundlage seiner traditionellen Schutzherrschaft über Kinder und junge Menschen — eine naheliegende Verbindung, da die Überlieferung sein junges Alter als zentral für die Kraft der Geschichte betont: kein Erwachsener, der die Kosten des Widerstands abwägt, sondern jemand, kaum am Rand des Erwachsenseins, der sich dennoch dafür entscheidet.
Warum seine Erinnerung fortbestand
Was das Andenken an Pankratius über so viele Jahrhunderte und über so große geografische Entfernung am Leben hielt, ist gerade die Schlichtheit der mit ihm verbundenen Geschichte: ein sehr junger Konvertit, dem ein leichter Ausweg angeboten wird, und der ihn ablehnt. Was auch immer sich in den Einzelheiten nicht verifizieren lässt — die Gestalt dieser Entscheidung, standhafter Glaube unter unmittelbarer Todesdrohung, ist genau jene Art von Zeugnis, das die frühe Kirche über fast alles andere schätzte. Und genau deshalb wurde sein Name, so dünn die Quellenlage darunter auch sein mag, weitergetragen — durch römische Basiliken, englische Missionskirchen und schließlich in den Namen eines Londoner Bahnhofs, nach dessen Herkunft die meisten seiner Fahrgäste nie gefragt haben.






