Die heilige Marta von Betanien
Ein Haus, das Jesus liebte
Betanien, ein kleines Dorf unweit von Jerusalem, erscheint in den Evangelien fast wie ein zweites Zuhause für Jesus während seines Wirkens — und im Mittelpunkt steht der Haushalt von Marta, ihrer Schwester Maria und ihrem Bruder Lazarus. Das Johannesevangelium formuliert diese Beziehung ohne jede Einschränkung: "Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus" (Einheitsübersetzung, Johannes 11,5). Was auch immer sonst über Marta in ihren beiden Auftritten in den Evangelien gesagt wird — dieser Satz bildet den Rahmen, in dem alles andere steht.
Michelangelo Merisi da Caravaggio, "Martha und Maria Magdalena," um 1598, Detroit Institute of Arts — gemeinfrei.
"Marta, Marta"
Das Lukasevangelium liefert die Szene, durch die die meisten sie kennen. Jesus und seine Jünger kommen im Haus der Schwestern an; Maria setzt sich zu seinen Füßen, ganz in seine Lehre vertieft, während Marta mit der praktischen Arbeit beschäftigt ist, ein Haus voller Gäste zu versorgen. Verärgert wendet sich Marta direkt an Jesus: "Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!" (Einheitsübersetzung, Lukas 10,40).
Jesu Antwort wird oft als Tadel an Marta in Erinnerung behalten, doch es lohnt sich, genauer hinzusehen, denn sie ist sanfter und konkreter, als dieser Ruf vermuten lässt. "Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden" (Einheitsübersetzung, Lukas 10,41-42). Er wiederholt ihren Namen — im griechischen Text ein kleines, zärtliches Detail, eine Anrede, wie man sie jemandem gegenüber verwendet, den man mit echter Zuneigung anspricht, nicht schilt. Es geht nicht darum, dass Gastfreundschaft und Arbeit wertlos wären; es geht darum, dass Marta zugelassen hatte, dass ihre Sorge das eine verdrängte, worauf es in diesem Moment wirklich ankam: still genug zu sitzen, um tatsächlich zuzuhören.
"Ich weiß, dass er auferstehen wird"
Das vollständigere Bild von Martas Charakter zeigt sich später, im Johannesevangelium, nachdem ihr Bruder Lazarus erkrankt und stirbt. Als Jesus in Betanien ankommt, liegt Lazarus bereits vier Tage im Grab. Marta, die hört, dass Jesus kommt, wartet nicht zu Hause — sie geht ihm auf dem Weg entgegen und sagt unverblümt: "Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben" (Einheitsübersetzung, Johannes 11,21). Es ist kein Vorwurf; ihre nächsten Worte machen das deutlich: "Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben" (Johannes 11,22).
Was folgt, gehört zu den eindrücklichsten Wortwechseln der Evangelien. Jesus sagt zu ihr: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt … Glaubst du das?" (Einheitsübersetzung, Johannes 11,25-26). Martas Antwort kommt sofort und ohne Einschränkung: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll" (Einheitsübersetzung, Johannes 11,27) — ein Glaubensbekenntnis, das neben dem des Petrus bei Cäsarea Philippi zu den klarsten Aussagen darüber zählt, wer Jesus ist, ausgesprochen von irgendjemandem in den Evangelien. Wenig später ruft Jesus Lazarus lebendig aus dem Grab, und Martas Bekenntnis wird auf die buchstäblichste Weise bestätigt, die man sich vorstellen kann.
Ein dritter Auftritt, der leicht übersehen wird
Marta erscheint noch ein weiteres Mal im Johannesevangelium, in einer Szene, die gerne von der Dramatik der Auferweckung des Lazarus kurz zuvor und dem Einwand des Judas kurz danach überschattet wird. Sechs Tage vor dem Paschafest seines Todes kehrt Jesus nach Betanien zurück, zu einem Mahl ihm zu Ehren, und Johannes vermerkt schlicht: "Dort veranstaltete man für ihn ein Mahl. Marta bediente" (Einheitsübersetzung, Johannes 12,2). Es ist ein knapper Satz, leicht zu überlesen, doch er ist bedeutsam: Der Haushalt hat sich nicht verändert. Marta tut genau das, was sie schon Jahre zuvor in der lukanischen Szene tat, nur dass diesmal niemand sie dafür zurechtweist. Der Unterschied zur früheren Szene liegt nicht darin, dass Marta endlich gelernt hätte, mit dem Dienen aufzuhören — sondern darin, dass das Dienen von Anfang an nie das Problem war; die Sorge war es. Beim letzten Mahl, das Betanien Jesus vor dem Leiden ausrichtet, wirkt Martas ruhige, tatkräftige Sorge um ihren Gast weniger wie ein Makel als wie Hingabe in ihrer schlichtesten Form.
Eine spätere Legende, und eine Warnung dazu
Die mittelalterliche französische Überlieferung, besonders stark in der Provence, entwickelte eine ausgeschmückte Legende, wonach Marta, Maria und Lazarus vom Heiligen Land aus auf einem ruderlosen Boot ausgesetzt wurden und in der Nähe des heutigen Tarascon an Land gespült seien, wo Marta der Legende nach einen menschenfressenden Flussdrachen namens Tarasque gezähmt habe, indem sie ihn schlicht mit Weihwasser besprengte und ihn an ihrem Gürtel wie ein angeleintes Tier in die Stadt führte. Es ist eine farbenprächtige Geschichte, die vor Ort bis heute gefeiert wird, doch sie hat weder in den Evangelien noch in den frühesten historischen Quellen zu Martas Leben irgendeine Grundlage und sollte als regionale fromme Legende verstanden werden, nicht als etwas, das die Kirche als Tatsache lehrt. Das Neue Testament selbst berichtet nichts darüber, was aus Marta nach den bei Lukas und Johannes geschilderten Ereignissen wurde.
Patronin eines schlichten, unentbehrlichen Dienstes
Wegen ihrer Rolle im Dienst an Jesus im eigenen Haus hat die Tradition Marta zur Patronin von Köchen, Dienstboten, Hauswirtschafterinnen und Beschäftigten im Gastgewerbe gemacht — ein Patronat, das man leicht als bloße Fußnote zur Szene "Marta, Marta" lesen könnte, würde es nicht übersehen, was das Johannesevangelium ihrer Geschichte hinzufügt. Marta war nicht nur die Frau, die von der Hausarbeit abgelenkt wurde; sie war auch die Frau, die der Trauer offen entgegentrat und eines der kühnsten Glaubensbekenntnisse des Neuen Testaments aussprach. Ihr Gedenktag, der 29. Juli, wird im aktuellen römischen Kalender zusammen mit ihrer Schwester Maria und ihrem Bruder Lazarus begangen — ein Haushalt, an den sich die Evangelien gemeinsam erinnern, als einen Ort, an dem Jesus wirklich zu Hause war.






