Die vier Evangelisten und ihre Symbole
Vier Schreiber, vier Gesichter
Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind die vier Verfasser, die die Kirche als Autoren der kanonischen Evangelien anerkennt — der wichtigsten schriftlichen Berichte über das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Schon sehr früh in der Kirchengeschichte ordneten Künstler und Theologen jedem der vier ein eigenes symbolisches Wesen zu: einen geflügelten Menschen, einen geflügelten Löwen, einen geflügelten Stier und einen Adler — zusammen als Tetramorph bekannt, vom griechischen Wort für „vier Formen“. Man findet dieses Set in Kathedralenportale gemeißelt, auf illuminierte Evangelienhandschriften gemalt, in Kirchenfenster eingearbeitet und in die Ecken unzähliger Ikonen Christi in der Herrlichkeit gesetzt — fast immer in derselben festen Anordnung.
Unbekannter Künstler, Tetramorph-Fresko, 16. Jahrhundert, Klöster von Meteora, Griechenland — gemeinfrei.
Christus in der Herrlichkeit, umgeben von vier Gesichtern
Der Tetramorph erscheint selten für sich allein. Sein häufigster Rahmen, besonders in der romanischen Kirchenkunst, ist die Umgebung eines zentralen Bildes, bekannt als Christus in der Herrlichkeit — Christus thronend in Glorie, oft innerhalb eines mandelförmigen Rahmens namens Mandorla, mit den vier geflügelten Wesen an den Ecken angeordnet. Diese Komposition führt unmittelbar auf die Thronvisionen bei Ezechiel und in der Offenbarung zurück, wo die vier Lebewesen Gottes eigene Herrlichkeit umgeben; die Evangelistensymbole an derselben Position zu platzieren, bringt bildlich das Argument, dass die Evangelien selbst Christus umgeben und von ihm Zeugnis geben, so wie die vier Lebewesen den göttlichen Thron in den ursprünglichen prophetischen Visionen umgeben. Man kann diese Anordnung über zahllosen romanischen Kirchenportalen in Frankreich und Spanien gemeißelt sehen, ebenso wie in illuminierte Evangelienbücher des ganzen Mittelalters gemalt.
Eine zweifach entlehnte Vision
Die Bildsprache begann gar nicht bei den Evangelisten. Ihre Wurzel liegt Jahrhunderte früher, in der Eröffnungsvision des Propheten Ezechiel, in der vier Lebewesen um Gottes Thron je vier Gesichter haben — die eines Menschen, eines Löwen, eines Stieres und eines Adlers (Ezechiel 1,5-10). Dieselbe vierfach gesichtige Bildsprache taucht in der Offenbarung wieder auf, wo Johannes vier Lebewesen um den himmlischen Thron beschreibt — diesmal trägt jedes nur eines dieser vier Gesichter statt aller vier zugleich: „Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler“ (Einheitsübersetzung, Offenbarung 4,7). Frühchristliche Schriftsteller — allen voran der heilige Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert und später der heilige Hieronymus — griffen diese zweite Vision auf und ordneten jedes der vier Wesen einem der vier Evangelisten zu, wobei sie die Zuordnung direkt daraus ableiteten, wie das jeweilige Evangelium beginnt oder was es an Christus besonders betont.
Matthäus — der Mensch, oder Engel
Das Matthäusevangelium beginnt mit einem langen, bewusst gesetzten Stammbaum, der Jesu menschliche Abstammung über David bis zu Abraham zurückverfolgt und die Geschichte sofort in einer bestimmten menschlichen Linie und Geschichte verankert. Diese Betonung der vollen Menschlichkeit Christi brachte Matthäus den geflügelten Menschen ein, in manchen Traditionen auch einen Engel — das einzige der vier Symbole mit einem unverkennbar menschlichen Gesicht. In Matthäus' eigener Geschichte, dem einstigen Zöllner, den Jesus persönlich berief, passt dieser menschliche, geerdete Ausgangspunkt gut: Sein Evangelium ist jenes, dem am meisten daran liegt, Jesus in die sehr menschliche Geschichte Israels einzubetten.
Markus — der Löwe
Das Markusevangelium beginnt abrupt in der Wüste, mit der Stimme Johannes des Täufers, die „ruft“, um den Weg des Herrn zu bereiten — ein Bild, das frühe Ausleger mit dem Brüllen eines Löwen in der Wüste verbanden, dazu kommt die ältere Verbindung des Löwen mit königlicher und messianischer Macht. Auf diesem Blog existiert noch kein eigener Artikel zu Markus, doch sein Symbol bleibt eines der sofort erkennbarsten der vier — vor allem als Wappentier der Stadt Venedig, die ihn als Patron beansprucht und den geflügelten Löwen als eigenes Stadtsymbol übernahm, nachdem sie im 9. Jahrhundert Reliquien erwarb, die man ihm zuschrieb.
Lukas — der Stier
Das Lukasevangelium beginnt im Jerusalemer Tempel mit dem Priester Zacharias, der ein Opfer darbringt — eine Szene, die sein Evangelium von den ersten Zeilen an mit dem Stier verband, dem traditionellen Opfertier des Tempels. Auch Lukas' eigene Geschichte, an anderer Stelle auf diesem Blog ausführlicher erzählt, trägt durchgehend eine starke Verbindung zu Opfer und priesterlichem Ritual, was die Zuordnung weit über die Eröffnungsszene hinaus bekräftigt.
Johannes — der Adler
Das Johannesevangelium schlägt einen ganz anderen Weg ein: Es beginnt nicht mit einem Stammbaum oder einem Tempelritual, sondern mit erhabener, kosmischer Sprache: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Einheitsübersetzung, Johannes 1,1). Dieser Blickpunkt — der Beginn schon vor der Schöpfung selbst, statt bei einem irdischen Ereignis — brachte Johannes den Adler ein, der in der antiken Überlieferung als der einzige Vogel galt, der hoch genug fliegen und direkt genug in die Sonne blicken konnte, um der Höhe von Johannes' Eröffnungstheologie zu entsprechen.
Ein Code, der sich zu lesen lohnt
Der Tetramorph lohnt ein wenig Vertrautheit gerade deshalb, weil er nie als dekorative Füllung gedacht war — jeder geflügelte Löwe, der in ein Kathedralenportal gemeißelt oder an den Rand einer Handschrift gemalt wurde, ist ein verdichteter Verweis auf ein bestimmtes Evangelium und den besonderen Blickwinkel, aus dem dieses Evangelium Christus vorstellt. Wer die vier Gesichter einmal lesen kann, dem öffnet sich das ganze visuelle Vokabular der mittelalterlichen christlichen Kunst ein Stück weiter.






