Das Leben Mariens — Eine vollständige Zeitleiste

Ein Leben, das vor allem in Lücken erzählt wird
Wer Marias Geschichte einfach vom Anfang bis zum Ende des Neuen Testaments durchliest, stößt fast sofort auf dasselbe Problem: Sie steht im Zentrum der Heilsgeschichte und ist zugleich auf den meisten Seiten schlicht abwesend. Lukas schenkt ihr am Anfang eine Handvoll lebendiger, detailreicher Szenen. Johannes gibt ihr zwei kurze, gewichtige Auftritte — zu Kana und unter dem Kreuz. Dann bricht der Bericht praktisch ab, bis auf eine Zeile in der Apostelgeschichte, die sie nach der Himmelfahrt mit den Aposteln im Obergemach zeigt. Alles andere — ihre Geburt, ihre Kindheit, die Jahre von Jesu Erwachsenenleben vor seinem öffentlichen Wirken, ihre letzten Lebensjahre — stammt aus einem eigenen Traditionsstrang, der sich neben der Schrift entwickelt hat, nicht aus den Evangelien selbst.
Tizian, Mariä Himmelfahrt, 1516-1518, Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig — gemeinfrei.
Das ist weniger ein Mangel der Überlieferung als ein Spiegel dessen, wozu die Evangelien geschrieben wurden: um Identität und Sendung Jesu zu verkünden, nicht um das Leben seiner Mutter zu chronisieren. Doch die Kirche wollte von sehr früher Zeit an mehr wissen, und aus diesem Verlangen wuchs die geordnete Abfolge von Ereignissen — teils biblisch, teils traditionell —, die bis heute die marianischen Feste über das Kirchenjahr verteilt.
Geburt, Kindheit und eine Verlobung (außerbiblische Tradition)
Die Zeitleiste beginnt mit der Geburt Mariens, einem Fest, das ganz auf Tradition beruht, nicht auf einem Evangelientext — genauer auf dem Protoevangelium des Jakobus aus dem zweiten Jahrhundert, das ihre Eltern Joachim und Anna nennt und die Geschichte eines kinderlosen Paares erzählt, dessen Gebet spät im Leben erhört wird. Die Kirche hat diese Details nie als gesicherte Geschichte behandelt, doch das Fest selbst, jedes Jahr am 8. September begangen, gehört mindestens seit dem sechsten Jahrhundert zum Kalender.
Dieselbe außerbiblische Quelle liefert die Darstellung Mariens im Tempel, die Überlieferung, wonach ihre Eltern sie als kleines Kind in den Tempel brachten, um dort aufzuwachsen — eine Geschichte, die zwar außerhalb der Schrift steht, aber Jahrhunderte christlicher Kunst und Frömmigkeit geprägt hat. Von dort führt die Tradition zu der Verlobung Mariens mit Josef, der Verbindung, die sie, als das Lukasevangelium seine eigentliche Erzählung beginnt, bereits einem Zimmermann aus Nazaret versprochen zeigt.
Die Verkündigung und die Heimsuchung
Hier trifft die Zeitleiste endlich auf den Evangelientext selbst. Lukas berichtet, dass "der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt" wurde, "die mit einem Mann namens Josef verlobt war" (Lk 1,26-27), und was folgt — Gabriels Ankündigung, Marias Frage, wie das geschehen solle, und ihre Antwort: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1,38) — wird ausführlich in Die Verkündigung des Herrn behandelt. Die katholische Tradition versteht diese frei gegebene Zustimmung als den Augenblick, in dem die Menschwerdung beginnt.
Lukas führt von dort direkt zu der Heimsuchung, Marias Reise zu ihrer Verwandten Elisabet, die im hohen Alter mit dem künftigen Johannes dem Täufer schwanger ist. Hier begrüßt Elisabet sie als jene, "dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt" (Lk 1,43), und Maria antwortet mit dem Magnificat, ihrem Lobgesang, den die Kirche bis heute täglich im Stundengebet betet.
Betlehem, der Tempel und ein Zwölfjähriger, der in Jerusalem verlorenging
Es folgt die Geburt Jesu — die Geburt in Betlehem, die Lukas vor dem Hintergrund einer römischen Volkszählung schildert, wobei Maria ihren Sohn "in Windeln" wickelt und "in eine Krippe" legt, "weil in der Herberge kein Platz für sie war" (Lk 2,7). Bald darauf folgt die Darstellung Jesu im Tempel, die rituelle Weihe des Erstgeborenen nach jüdischem Gesetz, bei der der greise Simeon Maria warnt, dass ihr "ein Schwert durch die Seele dringen" werde (Lk 2,35) — ein Satz, den die Kirche seit jeher als Hinweis auf Golgota liest.
Danach schweigt die Schrift über Marias Leben fast ein ganzes Jahrzehnt lang, unterbrochen nur durch das Wiederfinden Jesu im Tempel, die Episode, in der ein zwölfjähriger Jesus in Jerusalem zurückbleibt, um mit den Tempellehrern zu disputieren, während seine Eltern ihn drei bange Tage lang suchen. Es ist die letzte Evangelienszene aus Jesu Kindheit — und der letzte längere Auftritt Marias vor Beginn seines öffentlichen Wirkens.
Kana, das Kreuz und Pfingsten
Als Maria im Johannesevangelium wieder erscheint, geschieht das bei der Hochzeit zu Kana, wo ihre schlichte Anweisung an die Diener — "Was er euch sagt, das tut!" (Joh 2,5) — dem ersten Zeichen von Jesu öffentlichem Wirken vorausgeht. Erst bei der Kreuzigung tritt sie wieder in einer größeren, überlieferten Szene auf: Johannes stellt sie unter das Kreuz, dem geliebten Jünger anvertraut: "Frau, siehe, dein Sohn! ... Siehe, deine Mutter!" (Joh 19,26-27). Nach der Auferstehung und Himmelfahrt zeigt die Apostelgeschichte sie noch einmal, kurz, inmitten der Apostel, die sich "einmütig im Gebet" versammelten in den Tagen vor Pfingsten (Apg 1,14) — ihr letzter bezeugter Auftritt im neutestamentlichen Text.
Entschlafung, Aufnahme in den Himmel und Königswürde
Der Rest der Zeitleiste gehört der Tradition und dem Dogma, nicht der erzählenden Schrift. Die Entschlafung der Jungfrau Maria — ein östlicher Begriff für ihr "Einschlafen" am Ende ihres irdischen Lebens — und die Aufnahme Mariens in den Himmel, das von Papst Pius XII. 1950 definierte katholische Dogma, wonach sie mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde, beschreiben denselben Abschluss aus zwei Blickwinkeln: der eine betont ihren friedlichen Tod, der andere ihre leibliche Verherrlichung. Der Katechismus beschreibt die Aufnahme Mariens in den Himmel als eine einzigartige Teilhabe an der Auferstehung ihres Sohnes (KKK 966).
Das letzte Kapitel der Zeitleiste ist die Königswürde Mariens, ein Fest, das sie als Himmelskönigin ehrt — weniger ein biografisches Ereignis als der theologische Schlusspunkt der Kirche zur ganzen Geschichte, die Anerkennung jener Rolle, die die Tradition ihr an der Seite ihres Sohnes zuschreibt. Von Anfang bis Ende gelesen, ist die Abfolge weniger eine Biografie im modernen Sinn als eine Landkarte der Frömmigkeit: karg dort, wo die Schrift karg ist, reich ausgestaltet dort, wo die Tradition Jahrhunderte Zeit hatte, das Schweigen zu füllen — und stets zurückkehrend zu denselben wenigen Evangelienszenen, die alles andere verankern.
Trivia
Erzählt die Bibel Marias ganzes Leben?
Wie lautet die richtige Reihenfolge der Ereignisse in Marias Leben?
Was unterscheidet die Entschlafung (Dormitio) von der Aufnahme Mariens in den Himmel?
Wie alt war Maria, als ihr der Engel Gabriel erschien?
Wo lebte Maria nach der Himmelfahrt Jesu?







