Wie man Heilige in der Kunst erkennt
Ein visuelles Alphabet, das jeder lesen konnte
Für den größten Teil der christlichen Geschichte konnte die Mehrheit der Menschen, die die Gemälde, Statuen und Kirchenfenster einer Kirche betrachteten, weder das Lateinische noch die volkssprachlichen Inschriften lesen, die die dargestellten Figuren sonst identifiziert hätten. Künstler lösten dieses Problem mit Attributen — bestimmten Gegenständen, Tieren oder Details, die über zahllose Werke verschiedener Hände und Jahrhunderte hinweg konsequent mit einem bestimmten Heiligen verbunden waren und so als eine Art visuelle Kurzschrift dienten, die jeder in dieser Tradition Aufgewachsene auf einen Blick entschlüsseln konnte. Wer eine Handvoll der häufigsten Attribute lesen lernt, verwandelt eine Wand austauschbar wirkender gewandeter Gestalten — wie die Menge um Christus in Dürers oben gezeigter Anbetung der Trinität — in einen Raum voller Individuen mit eigenen Geschichten. Dieser Leitfaden zur sakralen Kunst stellt einige der am häufigsten anzutreffenden Attribute und die Heiligen vor, die sie kennzeichnen.
Albrecht Dürer, "Anbetung der Trinität" (Landauer Altar), 1511, Kunsthistorisches Museum, Wien — gemeinfrei.
Schlüssel: der heilige Petrus
Kaum ein Attribut ist so eindeutig wie ein Schlüsselbund, fast immer als zwei große, manchmal gekreuzte Schlüssel dargestellt. Sie gehören zum heiligen Petrus, dem Apostel, und verweisen auf Christi Worte an ihn: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Matthäus 16,19, Einheitsübersetzung) — eine Stelle, die als Begründung von Petrus' besonderer Autorität unter den Aposteln gelesen wird. Die Schlüssel erscheinen bei Petrus in praktisch jedem Gemälde, das ihn zeigt, von der frühesten Katakombenkunst bis zu Renaissance-Altarbildern, was ihn zu einer der am leichtesten zu erkennenden Figuren in jeder vollbesetzten Szene macht.
Schwert: der heilige Paulus
Ein aufrecht gehaltenes Schwert kennzeichnet den heiligen Paulus, den Apostel, unter Verweis auf die Überlieferung, dass er in Rom durch Enthauptung hingerichtet wurde — eine Todesart, die seinem Status als römischer Bürger entsprach und ihn vor der Kreuzigung bewahrte, die Petrus erlitt. Paulus und Petrus werden häufig als Paar gemalt, die Christus flankieren oder gemeinsam am Kircheneingang stehen, und ihre Attribute machen diese Paarung selbst aus der Ferne leicht lesbar: hier Schlüssel, dort ein Schwert.
Rad: die heilige Katharina von Alexandrien
Ein mit Spitzen besetztes Rad, oft zerbrochen dargestellt, kennzeichnet die heilige Katharina von Alexandrien. Ihrer Legende nach verurteilten die römischen Behörden sie zur Hinrichtung auf einem Brechrad, das jedoch zerbarst, bevor das Urteil vollzogen werden konnte, sodass sie stattdessen enthauptet wurde. Das Rad blieb dennoch ihr festes Attribut und gab dem "Katharinenrad" seinen Namen, einem Feuerwerkskörper, der noch heute nach ihrer Legende benannt ist.
Rost: der heilige Laurentius
Ein Rost — ein flaches Metallgitter zum Grillen — kennzeichnet den heiligen Laurentius, einen Diakon der frühen römischen Kirche, der der Überlieferung nach auf einem solchen bei lebendigem Leib geröstet wurde. Der Rost gehört zu den optisch eindrücklichsten Attributen, gerade weil er das Marterwerkzeug direkt benennt, statt nur mittelbar zu symbolisieren, und er erscheint so konsequent, dass sein Anblick in einer Heiligenhand fast eine Garantie für die Identität des Laurentius ist.
Pfeile: der heilige Sebastian
Der von zahlreichen Pfeilen durchbohrte Körper eines jungen Mannes, oft an einen Pfahl oder Baum gebunden, kennzeichnet den heiligen Sebastian. Der Überlieferung nach überlebte Sebastian diesen ersten Hinrichtungsversuch, wurde gesundgepflegt und später auf andere Weise zu Tode gebracht — doch Künstler wählten überwältigend die von Pfeilen durchbohrte Szene als sein prägendes Bild, was sie zu einem der am unmittelbarsten erkennbaren Martyriumsattribute der gesamten christlichen Kunst macht.
Löwe: der heilige Hieronymus
Ein friedlich ruhender Löwe in der Nähe, manchmal mit einem sichtbar aus seiner Pfote entfernten Dorn, kennzeichnet den heiligen Hieronymus, den Gelehrten, der die Bibel ins Lateinische übersetzte. Der Löwe stammt aus einer populären Legende, wahrscheinlich einer älteren Geschichte über einen anderen Wüsteneremiten entlehnt, wonach Hieronymus einem Löwen einen Dorn aus der Pfote zieht und das dankbare Tier fortan an seiner Seite bleibt. Hieronymus wird oft zusätzlich mit einem roten Kardinalshut (ein Anachronismus, da dieses Amt zu seinen Lebzeiten noch nicht existierte) und einem Totenschädel dargestellt, die seinen gelehrten und bußfertigen Charakter unterstreichen.
Turm: die heilige Barbara
Ein Turm, meist mit drei Fenstern, kennzeichnet die heilige Barbara. Ihrer Legende nach sperrte ihr Vater sie in einen Turm, um sie von der Bekehrung zum Christentum abzuhalten, und die drei Fenster, auf denen sie bestanden haben soll, stehen für die Dreifaltigkeit — ein kleines architektonisches Detail, das innerhalb ihrer eigenen Legende zu einem Glaubensbekenntnis wird.
Augen auf einer Schale: die heilige Lucia
Eine Schale oder ein Teller mit einem Augenpaar darauf gehört zu den eindrücklichsten Attributen der christlichen Kunst und kennzeichnet die heilige Lucia von Syrakus. Ihr Name leitet sich vom lateinischen Wort für Licht ab, und spätere Legenden verbanden diesen Namen mit einer Geschichte, wonach ihr während der Verfolgung die Augen entnommen wurden, weshalb sie als Patronin bei Augenleiden und für das Augenlicht angerufen wird — die Augenschale ist zugleich Attribut und Etymologie in einem einzigen Bild.
Lamm: die heilige Agnes
Ein kleines, meist im Arm gehaltenes Lamm kennzeichnet die heilige Agnes von Rom. Das Attribut spielt auf die lautliche Nähe ihres Namens zum lateinischen agnus, also Lamm, an, obwohl sich ihr Name tatsächlich von einer griechischen Wurzel für "rein" oder "keusch" herleitet — ein Fall, in dem sich ein Symbol ebenso über ein Wortspiel wie über eine Einzelheit ihres tatsächlichen Martyriums durchsetzte.
Salbgefäß: die heilige Maria Magdalena
Ein Gefäß oder Krug, manchmal beim Ausgießen gezeigt, kennzeichnet die heilige Maria Magdalena und verweist auf Evangelienberichte einer Frau, die Christi Füße mit kostbarem duftendem Öl salbt. Sie wird in früheren Darstellungen zudem häufig mit langem, offenem Haar und reicher Kleidung gezeigt, in späteren Bußszenen dagegen schlichter gekleidet — ein Widerhall einer Überlieferung, die sie mit anderen namenlosen Frauen der Evangelien vermischte und die die moderne Bibelwissenschaft inzwischen revidiert hat.
Ein ganzes Altarbild auf einen Blick lesen
Sobald eine Handvoll Attribute vertraut sind, wirkt eine vollbesetzte Komposition wie Dürers Anbetung der Trinität nicht länger wie eine undifferenzierte Masse gewandeter Gestalten, sondern liest sich wie eine Namensliste: hier Schlüssel, dort ein Schwert, ein Rad, ein Rost, ein Turm, über die Leinwand verteilt genau dort, wo der Künstler sie platzieren wollte. Genau dazu wurden Attribute geschaffen — nicht als Dekoration, sondern zur Identifikation, dauerhaft genug, dass ein Betrachter, der fünfhundert Jahre später vor demselben Gemälde steht, es noch heute richtig lesen kann.





